Wertformanalyse – Teil 2 (77-85)
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Ausgangslage

Nachdem Marx zunächst in den ersten beiden Abschnitten des 1. Kapitels den Wert, die Wertsubstanz (abstrakt menschliche Arbeit) und die Wertgröße (gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit) hinreichend bestimmt hat, fragt er nun im 3. Abschnitt nach der Form, in der sich der Wert ausdrückt. Beginnend bei der einfachen, einzelnen oder zufälligen Wertform diskutiert er die unterschiedlichen, auseinander hervorgehenden Wertformen. Er zeigt dabei die Mängel der einzelnen Wertformen auf und kommt zu dem Schluss, dass erst in der Geldform der Wert umfassend dargestellt ist. Ich werde nun versuchen diese Argumentation nachzuzeichnen.
Dazu diskutiert er zunächst die einfache Wertform oder Form I. (63-76)
Er kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass diese den Wert nur unzureichend darstellt: „Der Ausdruck in irgendwelcher Ware B unterscheidet den Wert der Ware A nur von ihrem eigenen Gebrauchswert und setzt sie daher auch nur in ein Austauschverhältnis zu irgendeiner einzelnen von ihr selbst verschiedenen Warenart, statt ihre qualitative Gleichheit und quantitative Proportionalität mit allen andren Waren darzustellen.“ (76)

Totale oder entfaltete Wertform oder Form II (77-79)

In der einfachen Wertform ist die entfaltete Wertform jedoch bereits angelegt: Die Ware A (hier: Leinwand) kann ihren Wert in beliebigen anderen Waren ausdrücken. Drückt sie ihren Wert in allen anderen Warenarten aus, erhalten wir die entfaltete Wertform.
z Ware A = u Ware B oder = v Ware C oder = w Ware D oder = x Ware E oder = etc.

Die Ware steht nun nicht mehr nur im gesellschaftlichen Verhältnis zu einer anderen Ware, sondern zur gesamten Warenwelt.

Diese Wertform kann einige Aspekte des Werts deutlicher ausdrücken:

a)Dem Wert der Ware A ist es gleichgültig, in welchem speziellen Gebrauchswert er sich ausdrückt.
b)Die den Wert der Ware A bildende Arbeit wird erst jetzt ausdrücklich allen anderen menschlichen Arbeiten gleichgesetzt.
c)Es wird deutlich, „daß nicht der Austausch die Wertgröße der Ware, sondern umgekehrt die Wertgröße der Ware die Austauschverhältnisse reguliert“ (S. 78).

Jedoch hat auch diese Form Mängel: (S. 78f)

1.Sie ist unfertig. Jede neuen Warenart verlängert die Kette.
2.Sie ist ein „buntes Mosaik auseinanderfallender und verschiedenartiger Wertausdrücke“:
Die relativen Wertformen jeder Ware sind voneinander verschiedene endlose Ketten von Wertausdrücken.
In Äquivalentform sind die Gebrauchswerte jeder Ware nur besondere Äquivalentformen neben unzähligen anderen Äquivalentformen. Es existieren somit nur „beschränkte Äquivalentformen“, die einander gegenseitig ausschließen. Damit ist auch die im Äquivalent ausgedrückte Arbeit nur besondere, nicht „erschöpfende Erscheinungsform der menschlichen Arbeit“. (S. 79)

Allgemeine Wertform oder Form III (79-84)

Die relative Wertform ist jedoch bloß eine Summe einzelner Wertausdrücke, die auch umkehrbar sind. Mit diesem Schritt erhält mensch die allgemeine Wertform:
1 Rock =
10 Pfd. Tee =
40 Pfd. Kaffee =
1 Qrtr. Weizen =
2 Unzen Gold = } 2o Ellen Leinwand
1/2 Tonne Eisen =
x Ware A =
usw. Ware =

„Die Waren stellen ihre Werte jetzt 1. einfach dar, weil in einer einzigen Ware und 2. einheitlich, weil in derselben Ware.“ (S. 79)

Mit dieser allgemeinen Wertform ist die angemessene Ausdrucksform des Werts gefunden: „Erst diese Form bezieht daher wirklich die Waren aufeinander als Werte“. Die anderen Wertformen taten dies zwar auch, jedoch noch nicht vollständig: In der einfachen Wertform war der Wert der Ware nur im Gebrauchswert einer anderen Ware dargestellt war und somit nur von ihrer eigenem Gebrauchswert unterschieden. In der zweiten Form war der Wert einer Ware zwar „vollständiger (…) von ihrem eigenen Gebrauchwert unterschieden“ jedoch war „jeder gemeinsame Wertausdruck der Waren direkt ausgeschlossen“. Erst in der allgemeinen Wertform ist der Wert jeder Ware „von allem Gebrauchswert“ unterschieden und wird erst jetzt vollständig als das „allen Waren Gemeinsame ausgedrückt.“ (S. 80)
Während die beiden ersten Formen die aktive Ware ihren Wert ohne zu tun der anderen Waren ausdrückten, entsteht die allgemeine Wertform „nur als gemeinsames Werk der Warenwelt“: „Eine Ware gewinnt nur allgemeinen Wertausdruck, wenn gleichzeitig alle andren Waren ihren Wert in demselben Äquivalent ausdrücken“. Dies ist nur logisch: Als allein gesellschaftliche Beziehung kann der Wert einer Ware „nur durch ihre allseitige gesellschaftliche Beziehung ausgedrückt werden“ (S. 80f).
Mit zunehmenden Entwicklungsgrad der Wertform spitzt sich auch der Gegensatz der Pole, relativer Wertform und Äquivalentform, zu. Zwar ist er bereits in der einfachen Wertform enthalten (und von Marx an dieser entwickelt wurden), „fixiert ihn aber (durch die Möglichkeit der Umkehr des Wertausdruck, d. A.) nicht“. Erst in der allgemeinen Wertform wird er greifbar in der Spaltung der Warenwelt: Bis auf das allgemeine Äquivalent befinden sich alle Waren in „allgemein-gesellschaftliche(r) relative(r) Wertform“, können also ihren Wert im allgemeinen Äquivalent ausdrücken. Das allgemeine Äquivalent erhält dadurch die „Form unmittelbarer Austauschbarkeit mit allen andren Waren“, wie wir sie vom Geld im Alltagsleben kennen. (S. 82)

Von der allgemeinen Wertform zur Geldform (83-85)

Die Rolle des allgemeinen Äquivalent kann jeder Ware zukommen. Der Schritt von der allgemeinen Wertform zur Geldform ist bloß die endgültige Festlegung auf eine spezielle Ware als allgemeines Äquivalent. Diese spezielle Ware wird zur Geldware. Bloß historisch hat sich Gold als diese spezifische Ware durchgesetzt. Durch „gesellschaftliche Gewohnheit“ ist der Gebrauchswert der Geldware mit der allgemeinen Äquivalentform verwachsen. Die Frage, warum Geld sich unmittelbar gegen alle anderen Waren tauscht, ist nun beantwortet. Das Geldrätsel, von dem Marx zu Beginn des dritten Abschnitts sprach, gelöst.