Der Arbeitstag.

1. Die Grenzen des Arbeitstags

Der Arbeitstag besteht aus zwei zeitlich definierten Abschnitten: Der notwendigen Arbeitszeit (a—b) als gegebener Größe und der Mehrarbeitszeit (b—c), deren Dauer variabel ist. Das Verhältnis dieser beider bestimmt die Rate des Mehrwerts. (siehe Kap. 7)

Mögliche Länge eines Arbeitstags

a———b—c’——c’’——c’’’

Die Länge des Arbeitstages ist also eine variable Größe. Obwohl sich aus der Natur des Warentauschs selbst keine Grenze ergibt, kann er nur innerhalb gewisser Schranken variieren. Seine Minimalschranke (die innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise nie erreicht ist) wird definiert, indem man die Mehrarbeitszeit gleich null setzt. Seine Maximalschranke ist doppelt durch physische und moralische Grenzen bestimmt, welche die Befriedigung der geistigen und sozialen Bedürfnisse des Arbeiters, sowie solche zu schlafen, zu essen, etc. berücksichtigen. Diese Schranken sind jedoch elastischer Natur.

2. Der Heißhunger nach Mehrarbeit

Der Kapitalist hat die Arbeitskraft zu ihrem Tageswert nach dem Gesetz des Warentauschs gekauft und damit das Recht erlangt, den Arbeiter während eines Tages für sich arbeiten zu lassen. Der Trieb, Mehrwert zu schaffen, veranlasst ihn, nach der größtmöglichsten Masse Mehrarbeit zu trachten und diesen Tag ausdehnen.
Weil jede Minute, in der seine Produktionsmittel ungenutzt bleiben, Verlust für den Kapitalisten bedeutet, strebt er danach, 24h täglich Arbeit zu gebrauchen. Dies führt zu einem Ablösungssystem in Tag- und Nachtdienst.
Der Arbeiter wird zur Überarbeit gedrängt, wobei die Maximalschranken überschritten werden. Die Länge des Arbeitstags wird dann nicht durch die normale Erhaltung der Arbeitskraft bestimmt, sondern durch ihre größtmögliche tägliche Verausgabung.

3. Der Kampf um den Normalarbeitstag

Die Festsetzung des Normalarbeitstags ist das Resultat eines Jahrhunderte langen Kampfes zwischen der Klasse der Kapitalisten und der Arbeiterklasse.
Auf den Wert seiner Ware bestehend, verlangt der Arbeiter nach dem Normalarbeitstag, während der Kapitalist auf sein Recht als Käufer besteht, den Arbeitstag so weit wie möglich zu auszudehnen. Dies ist jedoch nicht vom Willen des einzelnen Kapitalisten abhängig, sondern leitet sich aus dem sich durch die freie Konkurrenz ergebenden Zwangsgesetz der kapitalistischen Produktion ab.
In diesem Streit steht Recht gegen Recht, sodass er durch Gewalt entschieden werden muss. Im Laufe der Geschichte ist der Arbeitstag bis zu seiner Maximalschranke und weit über diese hinaus verlängert worden. Die rücksichtslose Verlängerung des Arbeitstags geht nicht nur mit der Abnahme der menschlichen Arbeitskraft einher, sondern zieht auch deren vorzeitige Erschöpfung und Tötung nach sich. Der Widerstand der Arbeiter hat die Formulierung, offizielle Anerkennung und Durchsetzung von Gesetzen zu ihrem Schutz erfordert.