Das Interesse daran, zu verstehen, was in dieser Welt so vor sich geht, ist ein guter Ausgangspunkt für ein interessantes Semester: In diesem Seminar lesen wir „Das Kapital“ von Marx, weil wir glauben, dass die gründliche Kapitallektüre die beste Methode ist, um dieses Ziel zu erreichen. Dies vorweg: Wir lesen „Das Kapital“ also nicht aus philosophiegeschichtlichem Interesse, sondern deswegen, weil es Voraussetzung für eine richtige Kritik der Gesellschaft ist, zunächst genau zu wissen, womit man es zu tun hat. Die Grundlage einer Kapitalismuskritik ist dementsprechend die Untersuchung der Funktionsweise des Kapitalismus. Dies will „Das Kapital“ leisten: Erklären, wie Kapitalismus geht, um so eine angemessene Kritik zu ermöglichen.

Probleme, die sich aus dem Zusammenleben der Menschen ergeben, sind gesellschaftliche Probleme. Marx hat die ökonomischen Verhältnisse als Grundlage der menschlichen Gesellschaft ausgemacht und sich daher ökonomischen Studien zugewandt: Die gesellschaftlichen Verhältnisse können für Marx nur von der Produktion aus verstanden werden. Vorausgesetzt ist also, dass eine Gesellschaft nicht durch irgendetwas bestimmt ist, etwa durch die Kultur oder die Menschennatur, sondern durch die Ökonomie: Durch die Art und Weise, wie die Gesellschaft wirtschaftet. Daher ist Grundlage jeder Gesellschaftskritik die Beantwortung der Frage, welches die ökonomischen Prinzipien der betrachteten Gesellschaft sind.
Menschen haben Bedürfnisse; um diese zu befriedigen, müssen sie in einen Stoffwechsel mit der Natur treten — arbeiten. Das heißt: Egal, um was für eine Gesellschaftsordnung es sich handelt, Menschen müssen das, was sie zum Leben brauchen, ihrer Umwelt durch Arbeit „abringen“. Die ökonomischen Verhältnisse als Grundlage der menschlichen Gesellschaft anzusehen, heißt: Die Art und Weise, wie die Bedürfnisbefriedigung in einer Gesellschaft organisiert ist, strukturiert das Denken, Fühlen und Handeln der Menschen.
In Gesellschaften, in denen kapitalistische Produktionsweise herrscht, geht Bedürfnisbefriedigung über Warentausch vonstatten: Nützliche Dinge nehmen Warenform an. Das bedeutet, dass es nicht ausreicht, dass der nützliche Gegenstand vorhanden ist und ich ihn brauche: Hier ist Warentausch als gesellschaftliches Prinzip durchgesetzt. Man kommt an die Sachen, die man braucht, indem man tauscht. (Etwas, das man hat, gegen etwas gleichwertiges, das man nicht hat.) Das heißt aber auch, dass man an die Sachen, die man braucht, nicht kommt, wenn man nichts für sie einzutauschen hat. Ganz unabhängig davon, ob sie vorhanden sind oder nicht.
Dass das so ist, liegt am Eigentum. Um auf etwas zugreifen zu können, benötige ich einen Eigentumstitel, den der Staat mit seinem Gewaltmonopol und dem bürgerlichen Recht garantiert. Vom „Reichtum der Gesellschaften“ bin ich ‚dank‘ Eigentum und Tauschprinzip zunächst ausgeschlossen. Im Hinblick auf den Zweck einer Produktion könnte einen die Tatsache, dass Menschen angesichts voller Supermarktregale verhungern, stutzig machen: Die Befriedigung der Bedürfnisse Menschen scheint in einer Marktwirtschaft so betrachtet nicht der Zweck der Produktion zu sein.
Wie der Name des Wirtschaftssystems wie unserer anstehenden Lektüre nahe legt, geht’s im Kapitalismus ums Kapital: Geld wird investiert, um mehr zu werden. Das ist das Prinzip, das dieser Gesellschaft zu Grunde liegt; darum geht’s hier. Die Anhäufung von immer mehr Kapital, Kapitalakkumulation, ist der Zweck kapitalistischer Produktionsweise. Die Bedürfnisse der Menschen, die in ihr leben, spielen eine Rolle nur insofern, wie ihre Befriedigung zur Aufrechterhaltung des Systems notwendig ist.

Exkurs: Niemand regiert die Welt.
Zur Vorbeugung verbreiteter Missverständnisse zwei Worte

Marx geht es um Kapitalimuskritik; nicht um Kapitalistenkritik. Derjenige, der das Geld als Kapital einsetzt, ist der Kapitalist und hats gewöhnlich auf die sonnigere Seite dieser Gesellschaft geschafft. Marx stellt Kapitalisten nicht als Zeitgenossen dar, die man liebhaben muss, aber er macht sie auch nicht für die Verhältnisse verantwortlich. Es handelt sich für ihn „um die Personen nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind, Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen.“(16) Dies bezeichnet Marx mit dem Begriff der Charaktermaske: er will nicht die konkreten Personen angreifen, sondern die Verhältnisse, die dafür sorgen, dass es Kapitalisten auf der einen und Lohnarbeiter auf der anderen Seite gibt.

Die Rolle des Staates im Kapitalismus ist dabei nicht zu so zu verstehen, als würde er einzig die Interessen der „herrschenden Klasse“ vertreten. Er stellt die Infrastruktur für kapitalistische Produktionsweise zu Verfügung, garantiert mit seinem Gewaltmonopol Freiheit, Gleichheit und Eigentum seiner Bürger. Natürlich ist er an seiner eigenen Selbsterhaltung und damit am Fortgang der kapitalistischen Produktionsweise interessiert. Somit setzt er als „ideeller Gesamtkapitalist“ auch mal etwas gegen die Interessen der Kapitalisten durch, die sich auf Grund des Konkurrenzzwanges nicht selbst beschränken können.

Feindesland…zur bürgerlichen Ökonomie

Um den Vorgängen dieser Welt auf die Spur zu kommen, müssen wir uns laut Marx wohl oder übel mit Wirtschaft beschäftigen. Und in gewisser Weise auch mit den Wissenschaften von der Wirtschaft, denn die sehen die meisten Dinge ganz anders als Marx und genießen dabei eine extrem hohe Glaubwürdigkeit in dieser Gesellschaft.
„Daß in der Erscheinung die Dinge sich oft verkehrt darstellen, ist ziemlich in allen Wissenschaften bekannt, außer in der politischen Ökonomie.“ (MEW23, S.559)
Der Untertitel des Marxschen Kapitals lautet: Kritik der politischen Ökonomie. Marx geht es nicht um eine neue Darstellung der politischen Ökonomie, sondern um eine fundamentale Kritik an der gesamten bisherigen Wirtschaftswissenschaft. Marx kritisiert nicht in erster Linie die Ergebnisse der politischen Ökonomie, sondern bereits die Art und Weise ihrer Fragestellung, d.h. die Unterscheidung zwischen dem, was die politische Ökonomie überhaupt erklären will und dem, was sie als so selbstverständlich akzeptiert, dass sie es gar nicht erklären muss (wie etwa die Warenform der Arbeitsprodukte).

Die bürgerliche Ökonomie geht von der Erscheinungsform dieser Gesellschaft aus; diese wird dargestellt — erklärt wird sie nicht. Am Anfang dieser „Wissenschaft“ stehen lauter erklärungsbedürftige Voraussetzungen, die einfach angenommen werden. So geht die Nationalökonomie vom „Faktum“ Privateigentum aus. Sie erklärt nicht, was das ist und warum es das gibt. Unhintergehbare Voraussetzungen sind darüber hinaus bspw. die Unbegrenztheit der Bedürfnisse, die (daraus resultierende) Knappheit der Güter und die anthropologische Annahme, dass DER Mensch von Natur aus nur nach seinem eigenen Vorteil strebt. Eigenschaften, die Menschen als Warenbesitzer in der Regel an den Tag legen, werden zu anthropologischen Konstanten erhoben. Die politische Ökonomie nimmt den empirischen Warenbesitzer als DEN Menschen schlechthin. Das Verhältnis von Privateigentümer zu Privateigentümer gilt das als natürliche Verhältnis zwischen den Menschen. Die Atomisierung und das Gegeneinander der einzelnen Individuen, die aus der immer schon gegebenen Konkurrenzsituation der Menschen resultieren, ist unhinterfragbarer Ausgangspunkt der politischen Ökonomie. Resultat dieses affirmativen Charakters der Anthropologie der klassischen politischen Ökonomie ist: Die kapitalistische Warenproduktion ist die DEM Menschen entsprechende Welt.
Mit der Entstehung des Kapitalismus, mit der Durchsetzung kapitalistischer Warenproduktion und freier Konkurrenz wurden die Menschen aus ihren traditionellen gesellschaftlichen Bezügen und persönlichen Abhängigkeiten herausgelöst und standen sich fortan als isolierte, nur ihren ökonomischen Vorteil verfolgende Warenbesitzer auf dem Markt gegenüber. In der Wirtschaftswissenschaft sieht das dann so aus: Das Individuum wird auf den Warenbesitzer reduziert, der gegen andere Warenbesitzer konkurriert. Dieser Warenbesitzer erscheint als Inbegriff DES Menschen. Die Gesellschaftlichkeit der bürgerlichen Individuen wird so auf Natur, die Triebnatur des Menschen, zurückgeführt.
Mittels der politischen Ökonomie bestätigt sich die bürgerliche Gesellschaft, sie sei die beste alle möglichen Welten, da einzig und allein sie der Natur des Menschen angemessen sei.

Grundlage der Volkswirtschaftslehre ist die Knappheit von Gütern. Die „Tatsache“, dass nicht alle Bedürfnisse befriedigt werden können: Die Notwendigkeit des Umgangs mit der Knappheit macht das Wirtschaften nötig. Der Dreh- und Angelpunkt der Wirtschaftswissenschaften ist der Markt, der ökonomische Ort des Tausches.
„Die Grundprobleme des Wirtschaftens werden in unserer Volkswirtschaft mit Hilfe des Wettbewerbs und der sich am Markt bildenden Preise gelöst. Deshalb nennen wir unser Wirtschaftssystem Marktwirtschaft.“4
Die Menschen sind, um zu überleben, auf den Markt angewiesen: Nur vermittelt durch ihn können sie ihre Bedürfnisse befriedigen. Auf dem Markt werden Waren getauscht, gleichwertige Dinge gegeneinander. Doch wie wird festgestellt, dass Waren gleich viel wert sind? Wie kommt es zu den verschiedenen Tauschpaaren? Generell wird davon ausgegangen, dass die Waren, die gegeneinander getauscht werden, gleich viel wert sind. (Warum sollte man sie sonst gegeneinander austauschen?) Wie das dann aber genau vonstatten geht, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Ebenso darüber, was der Wert eigentlich ist.
Es gibt zwei grundsätzliche Möglichkeiten der Werttheorie. Einerseits kann man den Wert einer Ware auf die zu ihrer Produktion notwendige Arbeit zurückführen oder auf den von ihr ausgehenden Nutzen.

Die Klassik
Die klassische politische Ökonomie vertrat die Arbeitswertlehre, eine so genannte objektive Wertlehre. Unabhängig vom subjektiven Nutzen der einzelnen Ware ist ihr Wert durch den Arbeitsaufwand bestimmt, der nötig war, um sie herzustellen. Jenseits von Angebot- und Nachfragetheorien stellte die klassische politische Ökonomie die Frage nach dem Gravitationszentrum der Preisbewegung: Wie ist der Wert bestimmt, um den die Marktpreise, je nach Angebot und Nachfrage schwankten.
Adam Smiths Veröffentlichung seines Buches „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“, stellte 1776 einen ersten Höhepunkt der klassischen politischen Ökonomie dar. Smith gab ihr einen systematischen Rahmen und begründete so die klassische politische Ökonomie als Wissenschaft. Adam Smith vertrat eine naturhafte Auffassung von Ökonomie. Arbeit (Quelle allen Reichtums) sah er als eine Beziehung des Einzelnen zur Natur an — ungesellschaftlich. Auch den Tausch sieht er als Akt zwischen zwei vereinzelten Produzenten, die ihrem natürlichen Hang zum Tausch folgen — nicht gesamtgesellschaftlich. Das Selbstinteresse setzte Smith als entscheidende Antriebskraft menschlichen Verhaltens. Aus der natürlichen Neigung der Einzelnen, ihre Interessen zu verfolgen, folgt kein Chaos, sondern eine natürliche Ordnung. Diese Ordnung ist natürlich, insofern sie der menschlichen Natur entspricht. So kann Smith zu dem Schluss kommen: Die bürgerliche Gesellschaft ist die beste aller möglichen Welten.

Neoklassik, Marginalismus, subjektive Werttheorie: Grenznutzen
In den 70er Jahre des 19.Jahrhunderts kam gegen die klassische politische Ökonomie eine neue, subjektive Werttheorie auf, welche die klassischen Ansichten verdrängte und bis heute herrschende Lehrmeinung ist. Die sogenannte Neoklassik (auch als Marginalismus bekannt) formulierte die Werttheorie vom Grenznutzen. Damit wird der Nutzenzuwachs bezeichnet, der von der letzten zusätzlichen Einheit eines Produkts ausgeht. Damit soll gesagt sein, dass die Bedürfnisbefriedigung nicht in selben Ausmaß wächst, wie die Anzahl der konsumierten Produkte. (Jeder zusätzliche Fernseher stiftet einen geringeren zusätzlichen Nutzen, weil die dringensten Bedürfnisse zuerst befriedigt werden. — Fernseher im Wohnzimmer gegen Fernseher in der Speisekammer.)
Ausgangspunkt der Neoklassik ist das bedürftige Individuum, der Mensch, der seine Bedürfnisse befriedigen muss. Der Wert entspringt aus der Beziehung des Individuums zum Objekt; unabhängig von Austausch und Gesellschaft. In den Nutzeneinschätzungen der Konsumenten werden Ursache und Bestimmungsgrund für den Wert und den Tauschwert eines Gutes gesehen. Den bedürftigen Individuen wird als oberstes Handlungsziel die Maximierung ihres Nutzens unterstellt. Bei einem Tausch rechnen die beteiligten Individuen den Nutzenverlust des abgegebenen Gutes gegen den Nutzengewinn des erhaltenen Gutes auf. Nur solche Tauschpaare werden akzeptiert, bei denen sie gewinnen bzw. nichts verlieren.
Mit dem bedürftigen Individuum und seinem Interesse am Gebrauchswert der Güter wählen die marginalistischen Theorien einen scheinbar für jede Ökonomie gültigen Ausgangspunkt. (Tatsächlich thematisieren sie aber einen fiktive, auf einfachen Naturaltausch beruhende Wirtschaft.)

Klassik und Neoklassik
Die Neoklassik stellt keine Weiterentwicklung der Klassik dar. Die Neoklassik hat einen völlig anderen Ausgangspunkt. Nicht mehr die Arbeit, sondern der Nutzen ist die Grundlage ökonomischer Begriffsbildung, nicht mehr der Produzent, sondern der Konsument steht im Mittelpunkt. Zirkulation wird an Stelle der Produktion die eigentliche ökonomischen Sphäre. Gegenüber den allein relevanten Marktprozessen erscheint die Verteilung der Produktionsfaktoren auf verschiedene Personen als außer-ökonomische Zufälligkeit. Damit sind Klassenverhältnisse nicht mehr zu erfassen: Wer den Reichtum unter welchen Verhältnissen produziert, ist völlig irrelevant.
Ökonomie löst sich als gesellschaftliche Sphäre auf und wird zu einem Aspekt menschlichen Verhaltens, der auf allen möglichen Gebieten menschlicher Tätigkeit entdeckt werden kann.
Der völlig ungesellschaftliche Mensch steht als einzelnes Individuum der Natur gegenüber. Tauschakte, die er eingeht, haben keine gesellschaftliche Relevanz, sondern stellen einen isolierte Vorgänge zwischen zwei Individuen dar. Kapitalismus wird in der Neoklassik zum bloßen Ausdruck menschlicher Produktion überhaupt.