Achtes Kapitel „Der Arbeitstag“

1. Die Grenzen des Arbeitstags
- Voraussetzungen:
Arbeitskraft wird zu ihrem Wert ge- und verkauft
Ihr Wert wird durch die zu ihrer Produktion nötige Arbeitszeit bestimmt
- das Verhältnis von Mehrarbeit : notwendige Arbeitszeit bestimmt die Rate des Mehrwerts
- die Rate des Mehrwerts allein kann uns nicht die Größe des Arbeitstags geben
- der Arbeitstag ist eine variable Größe: einer seiner Teil ist bestimmt durch die zur
beständigen Reproduktion des Arbeiters selbst erheischte Arbeitszeit, seine Gesamtarbeit
aber wechselt mit der Dauer der Mehrarbeit
- Mindestschranke: wenn Mehrarbeit gleich 0
→ bei der kapitalistischen Produktionsweise Mehrarbeit nie gleich 0
- Höchstschranke: bestimmt durch
physische Schranke der Arbeitskraft
moralische Schranken der Arbeitskraft
→ Veränderung des Arbeitstags bewegt sich innerhalb physischer und sozialer Schranken
(beide elastisch, erlauben großen Spielraum)
- dem Kapitalist gehört der Gebrauchswert der Arbeitskraft während eines Arbeitstages
- aber was ist ein Arbeitstag?
- einziger Trieb des Kapitalisten ist Mehrwert zu schaffen,
- Plädoyer eines Arbeiters (in Anlehnung an eine Erklärung des Komitees während des
Streikes der Londoner Bauarbeiter von 1860 bis 1861):
→ was auf der Seite des Kapitalisten Verwertung von Kapitals ist, ist auf der Seite des
Arbeiters überschüssige Verausgabung von Arbeitskraft
→ der Arbeiter braucht Kraft, um seine tägliche Arbeit reproduzieren zu können
→ was der Kapitalist an Arbeit gewinnt, verliert der Arbeiter an Arbeitssubstanz
- aus der Natur des Warenaustauschs selbst ergibt sich keine Grenze des Arbeitstags, also
keine Grenze der Mehrarbeit
- Kapitalist behauptet sein Recht als Käufer, wenn er den Arbeitstag so lang als möglich dehnt
- der Arbeiter behauptete sein Recht als Verkäufer, wenn er den Arbeitstag auf eine bestimmte
Normalgröße beschränken will
→ beide haben ein Recht, welches durch das Gesetz des Warenaustauschs besiegelt ist; es
entscheidet die Gewalt
2. Der Heißhunger nach Mehrarbeit. Fabrikant und Bojar
- der Arbeiter muss überschüssige Arbeitszeit zusetzen, um die Lebensmittel für den Eigner der Produktionsmittel zu produzieren
- im Altertum zeigt sich die Überarbeit besonders: in der Produktion von Gold und Silber
- in der kapitalistischen Produktionsweise wird den „barbarischen Greueln der Sklavenarbeit,
Leibeigenschaft usw. der zivilisierte Greuel der Überarbeit aufgeopfert“
- Mehrarbeit und notwendige Arbeit verschwimmen ineinander
- anders bei der Fronarbeit: räumliche Trennung der Arbeit
- Kodex der Fronarbeit ist die „organische Ordnung“: jeder Bauer schuldet dem
Grundeigentümer jährlich 12 Arbeitstage; hinzu kommt die Jobagie (14 Tage:
Dienstleistungen für außerordentliche Produktionsbedürfnisse)
→ 56 Arbeitstage jährlich auf 140 Arbeitstage (Unwettertage und Feiertage abgezogen)
- in den Beispielen steht England im Vordergrund, weil es die kapitalistische Produktion
klassisch darstellt
- Bericht der Fabrikinspektoren über die Periode der Krise von 1857 – 1858:
- die Arbeit wird früher angefangen, später beendet, ebenso verhält es sich bei den
Mahlzeiten: dadurch entspringt innerhalb einer Woche ca. eine Summe von 340 Min.:
macht im Jahr 27 Arbeitstage – aus 12 Monaten werden 13
- Reinigen der Maschinen etc. wird den Arbeitern untersagt während der normalen
Arbeitszeit, also müssen sie es hinterher machen
- der Arbeiter ist nichts mehr als personifizierte Arbeitszeit, individuelle Unterschiede lösen
sich auf in die von „full timers“ und „half timers“

3. Englische Industriezweige ohne gesetzliche Schranke der Ausbeutung
- Erklärungen eines Friedensrichters als Vorsitzender einer Versammlung in der Stadthalle von Notingham am 14. Januar 1860:
– ein unbekannter Grad an Leid herrscht in dem mit der Spitzenfabrikation beschäftigten
Teile der städtischen Bevölkerung:
Kinder von 9 bis 12 Jahren werden um 4 Uhr morgens bis 10, 11, 12 Uhr zum arbeiten gezwungen, ihre Gestalt schrumpft zusammen
Ein System unbeschränkter Sklaverei in sozialer, körperlicher, moralischer und geistiger Beziehung
- Zeugenaussagen von Kindern der Töpferei in Staffordshire aus Berichten von 1860 und 1863:
- Wilhelm Wood begann mit 7 Jahre 10 Monate zu arbeiten: 15 stündige Arbeit
- J. Murray: muss manchmal um 4 Uhr morgens beginnen und bis morgens um 6 Uhr
arbeiten, bekommt 3 Mark 50 Pfennig die Woche, keinen Extralohn für Nachtarbeit
- Fernyhough, zehnjährig, hat oft nur eine halbe Stunde für sein Mittagessen
Doktrenberichte:
- Lebenszeit in den Töpfereibezirken außerordentlich kurz; bis zu 50 % sterben an
Brustkrankheiten; jede neue Generation ist zwerghafter als die vorherige
- entartete Bevölkerung: in der Regel verzwergt, schlecht gebaut und oft an der Brust
verwachsen, altern vorzeitig und sind kurzlebig, phlegmatisch und blutlos, haben Anfälle
(Krankheiten), nur durch „Zwischenheiraten mit gesünderen Rassen“ wird verhindert, dass
die Bevölkerung nicht völlig entartet
Fabrikation von Schwefelhölzern:
- die Hälfte der Arbeiter sind unter 13 und Jugendliche unter 18 Jahren
- wegen ihrer Gesundheitsschädlichkeit gibt nur der ärmste Teil der Arbeiterklasse ihre
Kinder in die Fabrikation
- Kommissar White (1863): 270 unter 18 Jahren, 50 unter 10 Jahren, 10 nur 8 und 5 nur 6
Jahre alt, 12 bis 15 Stunden täglich, Nachtarbeit, unregelmäßige Mahlzeiten, Arbeitsräume
die von Phosphor verpestet sind, viele bleiben wegen Krankheiten weg, werden
angeschrieen damit sie wach bleiben, weinen wegen Schmerzen an den Füßen
- 7 jährige Jungen arbeiten 16 Stunden am Tag, müssen getragen werden; werden an den
Maschinen gefüttert, da sie die Maschinen nicht verlassen dürfen
- Arbeit bis zu 84 h pro Woche
- Direktor einer Tafelfabrik sagt aus, ein Arbeitstag von 15 h würde ihm besser passen als
einer von 12 h, er spricht von „Mahlzeiten zusetzen“ wie wenn man dem Rad Öl zusetzt
Londoner Bäckergesellen:
- Arbeit beginnt in der Regel um 11 Uhr nachts, in den Backhäusern sind 75 bis 90 Grad;
Arbeit endet zwischen 1 und 6 Uhr Nachmittags, auch bis Mitternacht; schlafen oft nur 4 bis
6 Stunden; erreichen selten das 42. Lebensjahr
- Ausschuss in Irland ermahnt die unerbittlichen Bäckermeister: Arbeitstage über 12 Stunden
stellen einen erheblichen Eingriff in das häusliche und Privatleben des Arbeiters dar
- Ackerbauarbeiter in Schottland: 13- 14 Stunden Tag, vierstündige Zusatzarbeit am Sonntag
- Eisenbahnarbeiter: vor 10 bis 12 Jahren haben sie 8 Stunden gearbeitet, dann 14, 18, 20
Stunden, zu Zeiten der Feriensonderzüge 40 bis 50 Stunden; Folgen: Erstarrung, Hirn hört
auf zu denken, Augen sehen nichts mehr; der Geschworene reagiert lediglich durch
Ermahnungen
- Tod durch Überarbeitung: Putzmacherin Mary Anne Walkley 20 Jahre) arbeitete 26 ½ Stunden
um Prachtkleider für adlige Damen fertig zustellen

4. Tag- und Nachtarbeit. Das Ablösungssystem
Arbeit während 24 Stunden des Tages anzueignen ist „der eingeborene Trieb der kapitalistischen Produktion“
Das ist aber unmöglich, daher verschiedene Methoden: z. B. Teil des Arbeitspersonals übernimmt eine Woche Tagdienst, die andere eine Woche Nachtdienst – dieses Ablösungssystem herrschte in der englischen Baumwollindustrie, gegenwärtig auch in Moskau und freien Industriezweigen Großbritanniens, umfasst größtenteils auch 24 Stunden des Sonntags
Das Alter der Kinder und jugendlichen Arbeiter: 6-18 Jahre
In den Hochöfen, Schmieden, Walzwerken u.a. Metallgewinnungsbetrieben in England, Schottland und Wales meist 12 Stunden, Nacht- oder Tagarbeit
Arbeit so „scheußlich“, dass der Machtmissbrauch der Eltern und Arbeitgeber nicht länger erlaubt werden darf
Wenn jemand wegbleibt, muss ein anderer die Arbeit zusätzlich übernehmen
Kinder zwischen 9 und 13 Jahren arbeiteten über Tage bis hin zu Wochen bis zu 18 Stunden täglich
Ein Junge berichtet davon, dass es sich nicht lohnte nach Hause zu fahren, er schlief auf dem Flur in der Fabrik
Bericht zweier Stahlfabrikanten: die Knaben leiden nicht unter der Hitze von 86 bis 90 Grad, gesundheitlich macht Tag- und Nachtarbeit keinen Unterschied; geschickte Hände und Abteilungsführer schwer zu haben, Jungen bekommt man so viel man will
Bericht aus den Stahl- und Eisenwerken: 3000 Männer und Jungen, ein bis zwei Jungen kommen auf 20 Männer, 500 Jungen unter 18, davon 170 unter 13 Jahren, wechselnde Nachtarbeit bringe keinen Schaden, würden Gesetz annehmen, keine Jungen unter 15 zu verwenden
→ Gesetz als Verbot für Jungen unter 18 Nacharbeit zu verrichten, würde nur gemacht
werden wegen der Vermehrung der Ausgaben – Männer statt Jungen

Sanderson und Co, Stahl-, Walz-, und Schmiedewerke in Attercliffe:
Hauptschwierigkeit bei Gesetzt: Vermehrung der Kosten
Die arbeitenden Männer, so die Berichte, würden auch nicht gerne auf die Jungen verzichten wollen, die Jungen müssten früh lernen, Tagarbeit würde nicht ausreichen
Verlust durch brachliegende Maschinen in der Nacht soll verhindert werden
→ die Produktion saugt natürlich mehr Mehrwert ein in 24 als in 12 Stunden

5. Der Kampf um den Normalarbeitstag. Zwangsgesetzte zur Verlängerung des Arbeitstags von der Mitte des 14. bis zu Ende des 17. Jahrhunderts
der Kapitalist schert sich nicht um das geistige und körperliche Befinden der Arbeiter
die größte tägliche Verausgabung des Arbeiters bestimmt den Arbeitstag, nicht die normale Erhaltung des Arbeiters
das Kapital fragt nicht nach der Lebensdauer des Arbeiters, interessiert nur an Höchstmaß an Arbeitskraft die an einem Tag flüssig gemacht werden kann
kapitalistische Produktion = Produktion des Mehrwerts, Einsaugung von Mehrarbeit du Abtötung der Arbeitskraft;
Verlängerung der Produktionsfrist des Arbeiters durch Verkürzung seiner Lebenszeit, dadurch fließen größere Verschleißkosten in die Reproduktion der Arbeitskraft – das Kapital scheint daher durch sein eigenes Interesse auf einen Normalarbeitstag hingewiesen
Landwirtschaft Westindiens, seit Jahrhunderten die „Wiege fabelhaften Reichtums“, die Millionen der afrikanischen Rasse verschwunden hat, Sklavenhandel auch in Kuba
1860 wandte sich eine Fabrikantenabordnung an den Vorsitzenden des Armenamts mit dem Gesuch, die Armen- und Waisenkinder aus den Arbeitshäusern für die Fabriken in Lancashire wieder zu erlauben
der Kapitalist kümmert sich nicht um die körperliche und geistige Verkümmerung der Arbeiter, nach dem Prinzip „nach uns die Sintflut“, hängt aber nicht vom guten oder bösen Willen des einzelnen Kapitalisten ab
„die freie Konkurrenz macht die inneren Gesetze der kapitalistischen Produktion dem einzelnen Kapitalisten gegenüber als äußerliches Zwangsgesetz geltend“
Festsetzung eines normalen Arbeitstags = vielhundertjähriger Kampf zwischen Kapitalist und Arbeiter
Beispiele zu Statuten von 1496 und 1592 (Statut der Königin Elesabeth) S. 265
Postlethwayt im Handelswörterbuch: Lebensmittel werden versteuert, da der Arbeiter auch mit dem Lohn von fünf Tagen auskommt, er soll aber sechs Tage arbeiten, spricht sich dagegen aus
Daraufhin der Verfasser des „Versuch über Gewerbe und Handel“: wenn es für eine göttliche Einrichtung gilt, den 7. Tag der Woche zu feiern, gehören die anderen Tage der Arbeit (dem Kapital); Arbeiter sollen sich nie für Unabhängig von ihrem Vorgesetzten halten; 1770 schlägt „ideales Arbeitshaus“ vor: 14 Stunden Arbeit abzüglich 2 für Essen
1833: setzt englisches Parlament in 4 Fabrikzweigen den Arbeitstag für Kinder von 13 bis 18 Jahre auf volle 12 Stunden herab

6. Der Kampf um den Normalarbeitstag. Zwangsgesetzliche Beschränkung der Arbeitszeit. Die englische Fabrikgesetzgebung von 1833-1864
seit Geburt der großen Industrie im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts: jede Schranke von Sitte und Natur, Alter und Geschlecht, Tag und Nacht zertrümmert
erstes Fabrikgesetz von 1833 datiert für die moderne Industrie einen Normalarbeitstag:
ein Jugendlicher darf nicht mehr als 12 Stunden täglich arbeiten, mit Ausnahme von besonderen Fällen
Arbeit von Kindern unter 9 Jahren verboten (später Ausnahmen), Kinder von 9-13 auf 8 Stunden täglich beschränkt
Nachtarbeit verboten für alle Personen zwischen 9 und 18 Jahren
„Fabrikpöbel“ schüchtert Regierung ein: 1835 schlägt diese vor, Grenze des Kindesalters von 13 auf 12 runterzuschrauben
Gesetz von 1833 blieb unverändert bis 1844
Fabrikinspektoren trotzten mit offiziellen Berichten mit der Unmöglichkeit der Ausführung
Neues Schichtsystem, wonach die Arbeiter nicht an bestimmten Stationen wechselten, sondern an wechselnden Stationen stets von neuem angespannt wurden
Bald kehrten die alten Arbeitsverhältnisse in einem großen Teil der Fabriken wieder ein
Fabrikgesetz vom 7. Juni 1844: neue Kategorie von Geschützten: Frauen über 18 Jahre den Jugendlichen gleich gesetzt; Nachtarbeit ihnen untersagt; Kinderarbeit unter 13 Jahren auf 6 ½ Stunden runter gesetzt
Arbeitstag sollte angezeigt werden durch eine öffentliche Uhr, Bekanntmachung sollte aufgehängt werden in Fabrik über Tageeinteilung; Kinder, Jugendliche und Frauen dürfen während der Mahlzeiten nicht in der Fabrik bleiben
→ wurde zu „Naturgesetzen der modernen Produktionsweise“, staatliche Verkündung =
Resultat langwieriger Klassenkämpfe
zwischen 1844-1847 galt im großen und ganzen der zwölfstündige Arbeitstag in allen der Fabrikgesetzgebung unterworfenen Industriezweigen
1846-47: Widerruf der Getreidezollgesetze, Einfuhrzölle auf Rohmaterialien abgeschafft, „Freihandel zum Leitstern der Gesetzgebung erklärt“
Fabrikgesetz vom 8. Juli 1847: vorläufige Verkürzung des Arbeitstags für Frauen und Jugendliche (13-18 Jahre) auf 11 Stunden, ab 1848 sollte endgültige Verkürzung auf 10 Stunden eintreten
Fabrikanten führten eine allgemeine Lohnherabsetzung von 10% durch, wo es die Verhältnisse zuließen: 25%
→ Agitation unter den Arbeitern für die Aufhebung des Gesetzes von 1847
Zehnstundengesetz tritt am 1. Mai 1848 in Kraft
Revolte der Fabrikanten, begannen mit Massenentlassungen
1850 waren 3742 Kinder in den 275 Fabriken untergebracht
Fabrikgesetz vom 5. August 1850: Arbeitstag für Frauen und Jugendliche in den ersten 5 Wochentagen von 10 auf 10 ½ Stunden erhöht, Samstags auf 7 ½ Stunden beschränkt, für die Kinderarbeit blieb das Gesetz von 1844 in Kraft: beseitigte für einige Fabrikkinder den vorgeschriebenen Schulzwang, Vorwand: Benötigung von „Fingerzartheit“

7. Der Kampf um den Normalarbeitstag. Rückwirkung der englischen Fabrikgesetzgebung auf andre Länder
erste Hälfte des 19. Jahrhunderts: ältere Manufakturen waren ebenso sehr der kapitalistischen Produktionsweise verfallen, wie die Fabriken
in den USA blieb jede Arbeiterbewegung während der Sklaverei gelähmt
der allgemeine Arbeiterkongress zu Baltimore (1866): Erfordernis eines Gesetz, wonach 8 Stunden den Normalarbeitstag in allen Staaten der amerikanischen Union bilden sollen
auch die Internationale Arbeiter-Assoziation zu Genf beschloss den 8 Stunden Tag als gesetzliche Schranke einzuführen
→ die Arbeiter müssen als Klasse ein Staatsgesetz erzwingen, „ein gesellschaftliches
Hindernis, das sie selbst verhindert, durch freiwilligen Vertrag mit dem Kapital sich und
ihr Geschlecht in Tod und Sklaverei zu verkaufen“