Fünftes Kapitel: Arbeitsprozess und Verwertungsprozess

1.Arbeitsprozess
Der Kapitalist lässt vom Arbeiter einen Gebrauchswert anfertigen.
Als Käufer der Arbeitskraft konsumiert er diese, indem er den Verkäufer arbeiten lässt.
Der Verkäufer seiner Arbeitskraft wird, was er vorher dem Vermögen nach (potentia) war, sich tatsächlich betätigende Arbeitskraft (actu).

Der Arbeitsprozess ist unabhängig von jeder bestimmten gesellschaftlichen Form zu betrachten, da er immer Produktion von Gebrauchsgütern bleibt, auch wenn der Käufer der Arbeitskraft nur insoweit am Gebrauchswert interessiert ist, als dass er Träger von Tauschwert ist .

---Arbeit an sich:
Die Arbeit ist ein Prozess zwischen Mensch und Natur. Der Mensch vermittelt durch eigene Tätigkeit einen Stoffwechsel mit der Natur. Dieser Stoffwechsel ist ewige Naturbedingung des menschlichen Lebens und daher unabhängig von jeder Form dieses Lebens, vielmehr allen seinen Gesellschaftsformen gleich gemeinsam. (198) Der Mensch tritt dem Naturstoff selbst als Naturmacht entgegen, durch das Wirken auf die Natur außer ihm, verändert er gleichzeitig seine eigene Natur. Er entwickelt die in der Natur schlummerten Potenzen und unterwirft sie eigener Botmäßigkeit

Die lebendige Arbeit muß diese Dinge ergreifen, sie von den Toten erwecken, sie aus nur möglichen in wirkliche und wirkende Gebrauchswerte verwandeln.(198) Hier spricht Marx von Rohstoffen (s.u.), z.B. Garn, das verwebt oder verstrickt werden muss zu Baumwolle, trifft aber genauso auf Arbeitsgegenstände zu.

---Arbeitsgegenstände
Die Erde wird ohne Zutun des Menschen als allgemeiner Gegenstand der menschlichen Arbeit vorgefunden. Alle Dinge, die durch Arbeit nur von ihrem unmittelbaren Zusammenhang zum Erdganzen losgelöst werden (das Pflücken eines Apfels) sind vorgefundene Arbeitsgegenstände (Fisch fangen, Holz schlagen)

---Rohmaterial
Ist der Arbeitsgegenstand schon durch frühere Arbeit filtriert (Erz, das bereits aus der Miene losgebrochen, nun ausgewaschen wird) nennen wir ihn Rohmaterial.
Rohmaterial ist immer Arbeitsgegenstand, aber nicht umgekehrt.

---Arbeitsmittel
Ding oder Komplex von Dingen, deren mechanische, physikalische oder chemische Eigenschaften, die der Arbeiter zwischen sich und den Arbeitsgegenstand schiebt und ihm als Leiter seiner Tätigkeit auf den Arbeitsgegenstand dienen. (,,Machtmittel“)
Selbst wenn der Mensch einen vorgefundenen Arbeitsgegenstand pflückt (Apfel), was ihn zum Arbeiter macht, greift er bei dieser Tätigkeit bereits auf Arbeitsmittel zurück, nämlich seine Leibesorgane. Gegenstände, deren sich der Arbeiter unmittelbar bemächtigt sind nicht Arbeitsgegenstände, sondern Arbeitsmittel, das Natürliche wird zum Organ seiner Tätigkeit.
Die Erde selbst ist sein Arbeitsmittel. Der Mensch ist ein toolmaking animal.

Untergegangene ökonomische Gesellschaftsformationen können durch Reliquien von Arbeitsmitteln beurteilt werden.
Nicht was gemacht wird, sondern wie, mit welchen Arbeitsmitteln (es) gemacht wird, unterscheidet die ökonomischen Epochen. Die Arbeitsmittel sind nicht nur Gradmesser der Entwicklung der menschlichen Arbeitkraft, sondern auch Anzeiger der gesellschaftlichen Verhältnisse, worin gearbeitet wird. (195)

Vom Stanpunkt des Resultats betrachtet erscheinen Arbeitsmittel und Arbeitsgegenstand als Produktionsmittel. Arbeit selbst als produktive Kraft.
Gebrauchswerte als Produkt jener Arbeit bilden das Produktionsmittel anderer Arbeit.
Produkte sind daher nicht nur Resultat, sondern zugleich Bedingung des Arbeitsprozesses.(196)
Alle Industriezweige, mit Ausnahme der extraktiven Industrie Bergbau, Jagd, behandeln Rohmaterial als Gegenstand.

Im Arbeitsprozess bewirkt also die Tätigkeit des Menschen durch das Arbeitsmittel eine von vornherein bezweckte Veränderung des Arbeitsgegenstandes. Der Prozeß erlischt im Produkt. Sein Produkt ist ein Gebrauchswert, ein durch Formveränderung menschlichen Bedürfnissen angeeigneter Naturstoff. Die Arbeit hat sich mit ihrem Gegenstand verbunden. Sie ist vergegenständlicht, und der Gegenstand ist verarbeitet. Was auf seiten des Arbeiters in der Form der Unruhe erschien, erscheint nun als ruhende Eigenschaft, in der Form des Seins, auf seiten des Produkts. Er hat gesponnen und sein Produkt ist sein Gespinst. (195)

Da es Naturbedingung des menschlichen Lebens ist in Stoffwechsel mit der Natur zu treten, ist es nicht nötig den Arbeiter im Verhältnis zum Arbeiter darzustellen. Mensch auf der einen und Natur und ihre Stoffe auf der anderen genügen.
Man schmeckt den Weizen nicht an, wer ihn anbaute und man sieht auch dem Prozess nicht an, unter welchen Bedingungen er vorgeht.
Die allgemeine Natur des Arbeitsprozesses ändert sich natürlich nicht dadurch, daß der Arbeiter ihn für den Kapitalisten, statt für sich selbst verrichtet.(199)
Der Kapitalist nimmt die auf dem Markt vorgefundene Arbeitskraft, also auch ihre Arbeit, die einer Periode entsprang, die keine Kapitalisten kannte. Wie sich der Produktionsprozess durch die Unterordnung der Arbeit unter das Kapital verändert wird später zu betrachten sein.

Der Arbeitsprozeß ist ein Prozeß zwischen Dingen, die der Kapitalist gekauft hat, zwischen ihm gehörigen Dingen. Das Produkt dieses Prozesses gehört ihm daher ganz ebensosehr, als das Produkt des Gärungsprozesses in seinem Weinkeller.(200)

2.Verwertungsprozess
Das Produkt, Eigentum des Kapitalisten, ist Gebrauchswert. Der Gebrauchswert wird nur produziert, da er materielles Substrat, Träger des Tauschwerts ist. Der Kapitalist will 1. Gebrauchswert produzieren, als Träger des Tauschwerts, also einen zum Kauf bestimmten Artikel, und 2. will er eine Ware produzieren, deren Wert höher als die Wertsumme der zu ihrer Produktion erheischten Waren, Produktionsmittel und Arbeitskraft, die er auf dem Warenmarkt kaufte, ist.
Er will nicht nur einen Gebrauchswert produzieren, sondern eine Ware, nicht nur Gebrauchswert, sondern Wert, und nicht nur Wert, sondern auch Mehrwert.(201)

Wie die Ware Einheit von Gebrauchswert und Wert ist, ist ebenso der Produktionsprozess Einheit von Arbeitsprozess und Wertbildungsprozess. Im Wertbildungsprozess entsteht aber kein Mehrwert, dieser kann erst im Verwertungsprozess entstehen.
Das aus dem Wertbildungsprozess resultierende fertige Produkt, besitzt nicht mehr Wert als das zur Herstellung dieses Produkts, in Arbeitskraft und Produktionsmittel, vorgeschossene Kapital. Werte der Rohmaterialien, der Arbeitsmittel und der Arbeitskraft konzentrieren sich nun im finalen Produkt. Aus der bloßen Addition der Werte kann kein Mehrwert entstehen.

---2 verschiedene Größen: Wert der Arbeitskraft und ihre Verwertung im Arbeitsprozess
Im Tageswert der Arbeitskraft ist selbst nur ein halber Arbeitstag vergegenständlicht, weil die täglich zur Produktion der Arbeitskraft nötigen Lebensmittel einen halben Arbeitstag kosten.(207)
Trotzdem arbeitet der Arbeiter den ganzen Tag. Der Wert der Arbeitskraft (Produktion der Arbeitskraft, die lediglich einen halben Tag in Anspruch nimmt) und die Verwertung derselben im Arbeitsprozess (1 ganzen Tag geleistete Arbeit) sind ungleiche Größen. Diese Wertdifferenz hatte der Kapitalist im Auge, als er die Arbeitskraft kaufte. (208)

Der Käufer besitzt die Arbeitskraft eines ganzen Tags, die Produktion (Erhaltungskosten) der Arbeitskraft dauert aber nur einen halben Tag, daher ist der Wert, den ihr Gebrauch am Tag schafft, doppelt so groß wie ihr eigener Tageswert
Der Verwertungsprozess ist ein über einen bestimmten Punkt hinaus verlängerter Wertbildungsprozess. Der Wertbildungsprozess dauert nur so lange bis der vom Kapital bezahlte Wert der Arbeitskraft (und auch Produktionsmittel) durch ein bestimmtes Äquivalent ersetzt worden ist, über diesen Punkt hinaus ist er Verwertungsprozess.
Nochmal, im Wertbildungsprozess wird ein Träger des Tauschwerts als direktes Äquivalent zu dem Wert der Arbeitskraft und der Produktionsmittel gebildet. Über einen gewissen Punkt, der den Wert der Arbeitskraft (Produktion der Arbeitskraft, halber Tag) kennzeichnet hinaus, setzt der Verwertungsprozess ein, hier entsteht Mehrwert.