Karl Marx: Das Kapital, Band 1

Viertes Kapitel: Verwandlung von Geld in Kapital

In den vorherigen Kapiteln haben wir gesehen wie aus dem einfachen Warentausch das Geld als allgemeine Wertform und damit zugleich als Vorraussetzung für die Existenz des Wertes, hervorgeht. Aus seiner Funktion Wert in allgemeiner Form zu repräsentieren und damit die Zugriffsmöglichkeit auf eine beliebige Vielfalt von Waren, ergibt sich auch die tendenzielle Unbegrenztheit der Geldanhäufung. Diese ist jedoch in der einfachen Warenzirkulation,
W-G-W, auf die Schatzbildung beschränkt, d.h. auf den Entzug des Geldes aus der Zirkulation. Marx untersucht nun im vierten Kapitel den Übergang des Geldes zum Kapital,
d. h. seiner Vermehrung mithilfe der Zirkulation.

Die allgemeine Formel des Kapitals

Zu Beginn stellt Marx fest, dass Geld immer die erste Erscheinungsform des Kapitals ist, sowohl historisch ( als Handels- oder Finanzkapital) als auch alltäglich. Jedes neue Kapital betritt zuerst als Geld den Schauplatz. Daher ergibt sich bereits ein Formunterschied zur einfachen Warenzirkulation W-G-W. Hier wird Ware in Geld und wieder in Ware verwandelt, also verkauft um zu kaufen. Geld als Kapital besitzt dagegen die Zirkulationsform G-W-G. Geld wird zuerst in Ware und Ware wieder in Geld verwandelt, also gekauft um zu verkaufen.
Bereits die Formunterschiede machen auch die inhaltlichen Unterschiede deutlich.

W-G-W: Die Ware bildet den Ausgangs- und den Schlusspunkt, das Geld dient hier bloß als Vermittler. Dass heißt Ware wird gegen Ware von gleichem Wert getauscht. Der Unterschied ist ein qualitativer, da die Waren sich in ihrem Gebrauchswert unterscheiden, dieser also den Endzweck der Operation bildet. Als Gebrauchswert hat der Zweck der Zirkulation damit sein Ziel und Maß außerhalb derselben, nämlich in den Bedürfnissen der einzelnen Warenbesitzer. Das Geld dient hier bloß als Mittel, zurückverwandelt in Ware, verschwindet es aus dem Besitz des Warenproduzenten und dieser muss den Prozess von vorne beginnen um an neues Geld zu gelangen.

G-W-G: Das Geld bildet den Ausgangs- und den Schlusspunkt, die Ware dient hier bloß als Vermittler. Hier wird Geld gegen Geld getauscht. Der qualitative Gebrauchswert, nämlich allgemeiner Wertausdruck zu sein, bleibt derselbe. Der Unterschied ist ein quantitativer, Geld kann sich zu Geld nur in seiner Größenordnung unterscheiden. Der Sinn und Zweck dieser ganzen Operation ist also ein quantitativer Unterschied in den beiden Wertausdrücken, am Anfang und am Ende der Zirkulation. Diesen nennt Marx den Mehrwert, der zusammen mit dem vorgeschossenen Wert als G` dargestellt wird. Ein in diesem Sinne geglückter Zirkulationsprozess, in dem Geld als Kapital fungiert, d.h. als sich verwertender Wert, wäre also in der Zirkulationsform G-W-G` dargestellt. Wie bereits angedeutet, besteht der Endzweck der Operation in einer größeren Wertsumme, er liegt also in der Zirkulation selbst und ist daher in Ziel und Maß unbegrenzt. Am Anfang stand eine beschränkte Wertsumme und am Ende steht ebenfalls eine beschränkte Wertsumme ( daran ändert nichts, dass diese größer ist), dass Bedürfnis der Verwertung ist von daher bei G` dasselbe wie bei G.

In der einfachen Warenzirkulation hatte das Geld nur die selbstständige Form des Wertes der Waren gebildet, es verschwand mit dem Ende des Prozesses. In der Zirkulation G-W-G funktionieren dagegen beide, Ware und Geld, nur als verschiedene Existenzweisen des Werts selbst, das Geld seine allgemeine, die Ware seine besondre, sozusagen nur verkleidete Existenzweise. Er geht beständig aus der einen Form in die andre über, ohne sich in dieser Bewegung zu verlieren, und verwandelt sich so in ein automatisches Subjekt. ( S. 168/169)
Die Zirkulation und mit ihr auch ihre verschiedenen Momente, wie Kauf und Verkauf, Ware und Geld, sind damit dem Wert untergeordnet und ihm zum Mittel seiner Selbstverwertung geworden, er hat sich zum Subjekt des ganzen Prozesses gemausert. In der Geldform hat er seine allgemeine und selbstständige Form, um sich als Größenordnung unabhängig von der Warenwelt darstellen zu können, damit eben auch seinen quantitativen Zuwachs ( Marx spricht von einem Privatverhältnis des Werts zu sich selbst S. 169). Um diesen Zuwachs jedoch zu erreichen, muss er zuerst die Warenform annehmen. Es muss erst eine gewisse Summe vorgeschossen werden, um mit dieser Waren zu kaufen, um später wieder zu einem größeren Wert zu verkaufen. G-W-G` ist damit die allgemeine Formel des Kapitals, wie es sich in der Zirkulationssphäre darstellt.

Widersprüche der allgemeinen Formel

Ein Problem, dass sich natürlich sofort stellt, ist, wo denn jetzt der Mehrwert überhaupt herkommt, und ob sich dies bereits mit der allgemeinen Formel des Kapitals entwickeln lässt.
Aus dem bloßen Formunterschied von G-W-G zu W-G-W lässt sich das noch nicht ableiten, da er bloß die subjektiven Zwecke wiederspiegelt mit denen die Beteiligten in die Zirkulation eintreten. Bleibt also die Frage ob der Mehrwert womöglich aus der Zirkulation selbst entspringt.

Betrachtet man den einfachen Warentausch von der Seite der Gebrauchswerte her, so haben beide Tauschpartner gewonnen. Dem einen ist der Gebrauchswert des anderen jeweils nützlicher. Auf der Seite des Tauschwertes jedoch ist dieser jeweils gleich geblieben, er hat nur seine Form gewechselt. Vom Preis der Ware, zur Geldsumme, zum Preis einer äquivalenten Ware. Es werden also auf der Wertseite Äquivalente getauscht, hier wird kein Wert hinzugesetzt. ( Etwaige Theorien, wie diejenige Condillacs, die den Mehrwert in dem größeren Nutzen der Ware in den Händen des jeweiligen Tauschpartners sehen, verwechseln nach Marx Gebrauchswert mit Tauschwert).

Bleibt die Möglichkeit zu untersuchen ob Mehrwert aus dem Tausch von Nicht-Äquivalenten resultiert. Eine Theorie, die Marx hier aus der bürgerlichen Ökonomie aufgreift, ist diejenige, wonach die Warenpreise von den Warenwerten abweichen, es also z. B. einen Preisaufschlag gibt, den die Konsumenten mehr oder weniger freiwillig zahlen. Allerdings wird hier übersehen, dass der Verkäufer selber wieder Käufer wird, den Preisaufschlag schließlich selbst wieder zahlt und es somit zwar zu einer Inflation kommt, aber keiner Wertsteigerung.
( Eine Klasse die nur konsumiert, müsste der Klasse die nur produziert irgendwie das Geld für ihren Konsum abluchsen, was auf der Stufe der einfachen Warenzirkulation noch nicht erklärt werden kann.) Umgekehrt ist es genauso. Auch wenn die Käufer unter dem Warenwert kaufen, haben sie vorher als Verkäufer unter dem Warenwert verkauft.
Individuelle Geschicklichkeit oder Überrumpelung im Warentausch führen nur zu einer verschiedenen Verteilung der gegebenen Wertmasse, nicht jedoch zu einer Hinzusetzung von Wert. So bleibt festzuhalten: Werden Äquivalente getauscht, so entsteht kein Mehrwert, und werden Nicht-Äquivalente getauscht, so entsteht auch kein Mehrwert. Die Zirkulation oder der Warentausch schafft keinen Wert. ( S. 177/ 178)
Allerdings steht der Warenbesitzer außerhalb der Zirkulation nur in Beziehung zu seiner Ware, deren Wert ein bestimmtes Quantum gesellschaftlich gemessener Arbeit enthält. Er kann hier zwar Wert hinzusetzten, indem er sie durch zusätzliche Arbeit veredelt, etwa indem er Leder zu Schuhen weiterverarbeitet, der Wert der Ware Leder hat sich dabei aber nicht selbst verwertet. Es bleibt also der Widerspruch zu lösen, das Kapital als sich verwertender Wert einerseits aus den Beziehungen der Zirkulation, die auf dem Äquivalententausch beruht, zu erklären, andererseits auch außerhalb derselben.

Kauf und Verkauf der Arbeitskraft

Da in der Zirkulationssphäre beim Kauf G-W, sowie beim Verkauf W-G, in der Regel Äquivalententausch stattfindet, muss sich die Wertveränderung mit der Ware selbst zutragen. Um aus dem Verbrauch einer Ware Wert herauszuziehn, müßte unser Geldbesitzer so glücklich sein, innerhalb der Zirkulationssphäre, auf dem Markt, eine Ware zu entdecken, deren Gebrauchswert selbst die eigentümliche Beschaffenheit besäße Quelle von Wert zu sein.
( S. 181) Tatsächlich findet er solch eine Ware, nämlich die menschliche Arbeitskraft bzw. ihr Arbeitsvermögen.

Damit unser Kapitalist eine ausreichende Menge der Ware Arbeitskraft auf dem Markt vorfindet, müssen zwei wesentliche Bedingungen erfüllt sein. Aufgrund der Vorraussetzungen der Warenzirkulation, muss es einen entsprechenden Besitzer von Arbeitskraft geben der sie aus freien Stücken auf dem Markt als Ware feilbietet. Er muss sich daher als Eigentümer zu seiner Arbeitskraft verhalten, die er nur für bestimmte Zeit als Ware anbietet, um ihr Eigentümer zu bleiben und nicht selbst zur Ware zu werden, also zum Sklaven. Dies ist die eine Bestimmung. Die zweite ist, dass er keine eigenen Waren verkaufen kann, in denen seine Arbeit vergegenständlicht ist. Das heißt er muss getrennt sein vom Besitz an Produktionsmitteln und Rohstoffen, so dass er seine eigene Arbeitskraft nicht produktiv anwenden kann und diese damit seine einzige Ware zum Verkauf bildet.
Das, das Kapital tatsächlich erst gesamtgesellschaftlich in Erscheinung tritt, wenn eine ganze Klasse solcher doppelt freier Arbeitskraftbesitzer vorhanden ist, die seine allgemeine Verwertungsmöglichkeit erst garantieren, deutet Marx hier bereits an. Diese ist dabei das Resultat historischer struktureller Umwälzungen und des Untergangs einer ganzen Reihe älterer Formationen der gesellschaftlichen Produktion. ( S. 183)

Marx trennt ganz bewusst in den Wert und Gebrauchswert der Arbeitskraft, da er zeigen will, dass sich die Arbeitskraft als Ware zu ihrem Wert, dass heißt im Äquivalententausch, veräußern können muss ( ob dies immer der Fall ist, ist eine andere Sache). Soweit sie Wert, repräsentiert die Arbeitskraft selbst nur ein bestimmtes Quantum in ihr vergegenständlichter gesellschaftlicher Durchschnittsarbeit. ( S. 184/185) Das bedeutet, des Wertes der in den zu ihrer Erhaltung und Reproduktion notwendigen Lebensmitteln steckt. Unter Lebensmittel versteht Marx dabei alle Mittel, die sowohl kurzfristig ( wie Nahrung, Heizungskosten etc.) und langfristig ( Möbel, Kleidung) nötig sind um die Arbeitskraft auf einem gewissen Niveau arbeitsfähig zu halten. Dazu zählen dann noch solche Sachen wie die Kosten für die Aufzucht des Nachwuchses, um die längerfristige Reproduktion einer Klasse von Arbeitern sicherzustellen und etwaige Ausbildungskosten. Eine Besonderheit bei der Bildung des Wertes der spezifischen Ware Arbeitskraft spielen dann noch natürliche ( d.h. z.B. klimatische und durch die Natur eines Landes gestellte Bedingungen) und historisch-kulturelle Bedingungen, also was die Arbeiter selber als lebensnotwendig empfinden und durchsetzten können ( gesellschaftliche Kräfteverhältnisse spielen in diesem Kapitel jedoch noch weniger eine Rolle).

Der Gebrauchswert der Arbeitskraft ist dabei ihre konkrete Anwendung, also die Arbeit selbst. Dieser vollzieht sich jedoch außerhalb der Zirkulationssphäre im Produktionsprozess. Hier wird sich, so deutet Marx an, nun zeigen wie das Kapital den Mehrwert produziert und damit sich selbst als Kapital. Dazu muss man allerdings die Sphäre der Warenzirkulation verlassen. Diese bildete nun in der Tat das Reich und die Existenzweise der bürgerlichen Freiheiten, aus welchem sich die Vorstellungen vieler Marktliberaler von freien und gleichen Warenbesitzern, die im Verfolgen ihrer Eigeninteressen dem Gesamtinteresse dienen und damit allen zum Vorteil gereichen, speisen. Beim Scheiden von dieser Sphäre der einfachen Zirkulation (…) verwandelt sich, so scheint es, schon in etwas die Physiognomie unsrer dramatis personae. Der ehemalige Geldbesitzer schreitet voran als Kapitalist, der Arbeitskraftbesitzer folgt ihm nach als sein Arbeiter; der eine bedeutungsvoll schmunzelnd und geschäftseifrig, der andre scheu, wiederstrebsam, wie jemand, der seine eigne Haut zu Markt getragen und nun nichts andres zu erwarten hat als die – Gerberei ( S.191).