Karl Marx. Das Kapital

23. Kapitel
Das allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation.

Wir wissen nun, dass die Grenze des kapitalistischen Wachstums seine Grenze nur noch an der Größe der Arbeiterklasse hat. (Nicht in der Größe des Kapitals, denn das wird ja immer mehr.)
Im 23. Kapitel geht es darum, wie sich das Wachstum des Kapitals auf die Lage der Arbeiterklasse auswirkt.

1.Wachsende Nachfrage nach Arbeitskraft (mit der Akkumulation) bei gleichbleibender Zusammensetzung des Kapitals

Zusammensetzung des Kapitals (Begrifflichkeiten)

nach der Seite des Werts: konstantes Kapital zu variablem Kapital *Wertzusammensetzung

nach der Seite des Stoffs: Produktionsmittel zu Arbeitskraft
*technische Zusammensetzung

die Wechselbeziehung zwischen beiden drückt sich aus in der *organischen Zusammensetzung (Wertzusammensetzung insofern sie durch die technische Zusammensetzung bestimmt ist).

Bei gleichbleibender organischer Zusammensetzung wächst also die Nachfrage nach Arbeitskräften verhälnismäßig zum Kapital, d.h. um so schneller, je schneller das Kapital wächst.

möglich: Arbeitslöhne steigen, da das Kapital schneller wächst, als die disponible Arbeitsbevölkerung, Arbeitskräfte also Mangelware sind.

„Die mehr oder minder günstigen Umstände, worin sich die Lohnarbeiter erhalten und vermehren, ändern jedoch nichts am Grundcharakter der kapitalistischen Produktion. Wie die einfache Reproduktion fortwährend das Kapitalverhältnis selbst reproduziert, Kapitalisten auf der einen Seite, Lohnarbeiter auf der andren, so reproduziert die Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter oder die Akkumulation das Kapitalverhältnis auf erweiterter Stufenleiter, mehr Kapitalisten oder größere Kapitalisten auf diesem Pol, mehr Lohnarbeiter auf jenem.“ (641)

„Steigender Preis der Arbeit infolge der Akkumulation des Kapitals besagt in der Tat nur, daß der Umfang und die Wucht der goldnen Kette, die der Lohnarbeiter sich selbst bereits geschmiedet hat, ihre losere Spannung erlauben.“ (646)

„Produktion von Mehrwert oder Plusmacherei ist das absolute Gesetz dieser Produktionsweise. Nur soweit sie die Produktionsmittel als Kapital erhält, ihren eignen Wert als Kapital reproduziert und in unbezahlter Arbeit eine Quelle von Zuschußkapital liefert, ist die Arbeitskraft verkaufbar. Die Bedingungen ihres Verkaufs, ob mehr oder minder günstig für den Arbeiter, schließen also die Notwendigkeit ihres steten Wiederverkaufs und die stets erweiterte Reproduktion des Reichtums als Kapital ein. Der Arbeitslohn, wie man gesehn, bedingt seiner Natur nach stets Lieferung eines bestimmten Quantums unbezahlter Arbeit auf seiten des Arbeiters.“ (647)

Erhöhte Nachfrage nach Arbeitskraft schafft gute Bedingungen für ihren Verkauf: die Löhne können steigen. Dadurch vermindert sich der Mehrwert, was die Akkumulation wiederum bremst und die Lohnsteigerung in engen Grenzen hält. Der Mechanismus der Akkumulation beseitigt selbst die Hindernisse, die er vorübergehend hervorbringt.

„Es kann nicht anders sein in einer Produktionsweise, worin der Arbeiter für die Verwertungsbedürfnisse vorhandner Werte, statt umgekehrt der gegenständliche Reichtum für die Entwicklungsbedürfnisse des Arbeiters da ist. Wie der Mensch in der Religion vom Machwerk seines eignen Kopfes, so wird er in der kapitalistischen Produktion vom Machwerk seiner eignen Hand beherrscht.“(649)

2.Relative Abnahme des Bedarfs nach Arbeitskräften durch Produktivkraftsteigerung

„Übrigens, wenn der Fortschritt der Akkumulation die relative Größe des variablen Kapitalteils vermindert, schließt er damit die Steigerung ihrer absoluten Größe keineswegs aus.“ (652)

„Aber alle Methoden zur Steigerung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit, die auf dieser Grundlage erwachsen, sind zugleich Methoden der gesteigerten Produktion des Mehrwerts oder Mehrprodukts, welches seinerseits das Bildungselement der Akkumulation. Sie sind also zugleich Methoden der Produktion von Kapital durch Kapital oder Methoden seiner beschleunigten Akkumulation.“ (652f)

Zentralisation: Zusammenschluss vieler Einzelkapitale
Konzentration: Verwandlung von Mehrwert in Kapital

Durch den Fortschritt der Produktivkräfte benötigt das im Fortgang der Akkumulation gebildete Zuschußkapital also verhältnismäßig zu seiner Größe, weniger und weniger Arbeiter. Und: das in neuer Zusammensetzung reproduzierte alte Kapital braucht ebenfalls weniger Arbeitskraft.

3. Wachsen der Überbevölkerung („Industrieelle Reservearmee“)

„Mit dem Wachstum des Gesamtkapitals wächst zwar auch sein variabler Bestandteil, oder die ihm einverleibte Arbeitskraft, aber in beständig abnehmender Proportion.“ (658)

„Mit der durch sie selbst produzierten Akkumulation des Kapitals produziert die Arbeiterbevölkerung also in wachsendem Umfang die Mittel ihrer eignen relativen Überzähligmachung. Es ist dies ein der kapitalistischen Produktionsweise eigentümliches Populationsgesetz, wie in der Tat jede besondre historische Produktionsweise ihre besondren, historisch gültigen Populationsgesetze hat. Ein abstraktes Populationsgesetz existiert nur für Pflanze und Tier, soweit der Mensch nicht geschichtlich eingreift.“ (660)

„Wenn aber eine Surplusarbeiterpopulation notwendiges Produkt der Akkumulation oder der Entwicklung des Reichtums auf kapitalistischer Grundlage ist, wird diese Übervölkerung umgekehrt zum Hebel der kapitalistischen Akkumulation, ja zu einer Existenzbedingung der kapitalistischen Produktionsweise. Sie bildet eine disponible industrielle Reservearmee, die dem Kapital ganz so absolut gehört, als ob es sie auf seine eignen Kosten großgezüchtet hätte. Sie schafft für seine wechselnden Verwertungsbedürfnisse das stets bereite exploitable Menschenmaterial, unabhängig von den Schranken der wirklichen Bevölkerungszunahme.“ (661)

Die industrielle Reservearmee fungiert als Erpressungsmittel gegenüber den Arbeitern, die (noch) in Lohn und Brot stehen.

„Je größer der gesellschaftliche Reichtum, das funktionierende Kapital, Umfang und Energie seines Wachstums, also auch die absolute Größe des Proletariats und die Produktivkraft seiner Arbeit, desto größer die industrielle Reservearmee. Die disponible Arbeitskraft wird durch dieselben Ursachen entwickelt wie die Expansivkraft des Kapitals. Die verhältnismäßige Größe der industriellen Reservearmee wächst also mit den Potenzen des Reichtums. Je größer aber diese Reservearmee im Verhältnis zur aktiven Arbeiterarmee, desto massenhafter die konsolidierte Übervölkerung, deren Elend im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Arbeitsqual steht. Je größer endlich die Lazarusschichte der Arbeiterklasse und die industrielle Reservearmee, desto größer der offizielle Pauperismus. Dies ist das absolute, allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation.“(673f)

„Es folgt daher, daß im Maße wie Kapital akkumuliert, die Lage des Arbeiters, welches immer seine Zahlung, hoch oder niedrig, sich verschlechtern muß. Das Gesetz endlich, welches die relative Übervölkerung oder industrielle Reservearmee stets mit Umfang und Energie der Akkumulation in Gleichgewicht hält, schmiedet den Arbeiter fester an das Kapital als den Prometheus die Keile des Hephästos an den Felsen. Es bedingt eine der Akkumulation von Kapital entsprechende Akkumulation von Elend. Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol, d.h. auf Seite der Klasse, die ihr eignes Produkt als Kapital produziert.“ (675)

Wir haben nun gelernt, dass das Kapital, wenn es mehr werden will, nicht nur von seiner eigenen Größe unabhängig ist, sondern dass es sich im Verlauf der Akkumulation auch von der Größe der vorhandenen Arbeitsbevölkerung emanzipiert. Es reduziert im Verhältnis zum angewandten Kapital fortschreitend die Arbeitskräfte und stellt eine relative Überbevölkerung her. Das Kapital ist somit als gesellschaftliches Produktionsverhälntis nur noch durch sich selbst bestimmt.