7. Abschnitt – Der Akkumulationsprozess des Kapitals

Bisher wurde der kapitalistische Produktionsprozess herausgelöst aus seinem Kontext, will sagen, seiner Kontinuität betrachtet, als Einzelner. Dabei erklärt es sich so ziemlich von selbst, dass dieser Prozess immer wieder stattfinden muss (um ständig Gebrauchswerte und Produktionsmittel für weitere Produktionen für weitere Gebrauchswerte zu schaffen usw.). Der Prozesscharakter der kapitalistischen Produktion wird hier eingeführt.

21. Kapitel – Einfache Reproduktion

Einfache Reproduktion ist nichts weiter als „die bloße Kontinuität des Produktionsprozesses“ (595), in der der Mehrwert ausschließlich der Konsumtion des Kapitalisten dient, daraus jedenfalls kein neues Kapital gemacht wird. Eine Grundbedingung der funktionierenden Kapitalverwertung ist, dass die produzierten Waren verkauft werden müssen. Das wird hier jedoch noch ausgeklammert, da es den Zirkulations-, nicht den Produktionsprozess betrifft.

Von Anfang an: Der Produktionsprozess startet mit dem Kauf der Arbeitskraft für einen bestimmten Zeitraum und ihrer Konsumtion. Der Arbeiter wird erst im Nachhinein für seine Arbeit bezahlt. Er produziert erst das variable Kapital, von dem ein Teil von ihm entfernt wird, den anderen erhält er als Lohn. Er arbeitet für sich und den Kapitalisten.
Die kapitalistische Produktion ist nur eine besondere Form der Lebensmittelproduktion des Arbeiters, aber eine verhältnismäßig ungünstige. Da die Produktionsmittel in der Hand des Kapitalisten liegen, wie auch die angewandte Arbeitskraft, gehört ihm auch das Produkt, Wertkörper von konstantem und variablem Kapital. Der Arbeiter produziert so seinen eigenen Lohn und dazu den Mehrwert für den Kapitalisten. Er ist nur Mittel des Kapitals. Er (re-)produziert es in gewisser Hinsicht, sodass es ihn anwenden kann, um sich zu verwerten, während das Kapital/ der Kapitalist den Lohnarbeiter in seinem Abhängigkeitsstatus erhält. Denn der Lohn ermöglicht nur die Reproduktion der Arbeitskraft auf ihrem arbeitsfähigen Niveau, wird jedenfalls in dieser Funktion verstanden, aufs absolut notwendigste reduziert.
Der Arbeiter schafft also die Möglichkeit des Kapitals, ihn selbst und andere Arbeiter in gleichem Maße weiterhin auszubeuten. „Diese beständige Reproduktion oder Verewigung des Arbeiters ist das sine qua non der kapitalistischen Produktion.“(596), Grundlage des sich selbst erhaltenden Kapitalismus. Bei der Arbeit, die ihm seine Lebensmittel sichert, reproduziert der Arbeiter also das Kapitalverhältnis, das ihn in diese Situation gebracht hat. So kann das Kapital ihn auch in Zukunft genauso verwenden.
Doppelt bedrückend und schizophren wird die Sache, wenn man bedenkt, dass der Lohn, den der Kapitalist dem Arbeiter zahlt, für ersteren einen weiteren Vorteil neben der dadurch unbezahlt- angeeigneten Arbeit, hat: Die Ausgaben des Kapitalisten für die Lebensmittel des Arbeiters erzeugen für ihn neue Arbeiter, frische Arbeitskraft, denn die Arbeiterklasse erhält sich automatisch durch Fortpflanzung und Selbsterhaltung. So wird auch noch der privateste Konsum zum Mittel für die produktive Konsumtion, d.h. für die Kapitalverwertung. Alles was der Arbeiter für sich tut, tut er ebenso für das Kapital, das ihn ausbeutet. „So bleibt der Konsum des Lastviehs nicht minder ein notwendiges Moment des Produktionsprozesses, weil das Vieh selbst genießt, was es frißt.“(597)
Als Ausdruck dessen kann die Aufteilung der Konsumtion des Arbeiters in produktiv und unproduktiv mit Bezug auf die absolut notwendige Wiederherstellung seiner Arbeitsfähigkeit verstanden werden.
(Diese individuelle Konsumtion ist zur Mehrwertmaximierung natürlich auf dem niedrigst-möglichem Niveau zu halten.)
Der Arbeiter wird an diesem Produktionsprozess nur gehalten, weil er angewiesen ist auf seine Lebensmittel und diese in einem kapitalistischen Produktionsverhältnis, in dem die Produktionsmittel in großem Stil von ihren Produzenten getrennt existieren, nur über den Arbeitslohn zu erhalten sind. Er wird ganz klar aus Mangel an Alternativen Lohnarbeiter. „Der römische Sklave war durch Ketten, der Lohnarbeiter ist durch unsichtbare Fäden an seinen Eigentümer gebunden.“(599) Genauso wie der Arbeiter nur Teil der Kapitalreproduktion ist, wird er generell behandelt, als „Mobiliar der Fabriken“(602).
Als Beispiele dienen einmal das Verbot der Ausreise von Maschinenarbeitern 1815 und eine Baumwollkrise, beides in England, während des amerikanischen Bürgerkrieges, als durch den Mangel an Baumwolle ein Großteil der Arbeiter entlassen wurde und die Arbeitslosigkeit unter den Baumwollarbeitern extrem anstieg. Auf die Klage und den Versuch der Arbeiter hin, auszuwandern um Arbeit zu finden, machte das Kapital seinen Einfluss wirksam und ließ ein Ausreiseverbot für Baumwollarbeiter gesetzlich verabschieden. Die eingeschlossenen Arbeitslosenmassen wurden durch niedrige „Sozialhilfe“ für stete Zugriffsmöglichkeit und um den Preis der Arbeitskraft zu drücken bei der Stange gehalten und nebenbei zur „moralischen Erhaltung“ zur kostenlosen Fabrikarbeit gezwungen.
Edmund Potter, stellvertretend für die englischen Baumwollfabrikanten, erkennt die Abhängigkeit der Kapitalistenklasse von ihrer „Maschinerie“(600) Arbeiter an, vor allem von deren Qualifikation. Umso stärker verlangt er danach, sie unter Kontrolle und in ständiger Reichweite der Fabriken zu haben.
Ein weitere Eigenschaft der einfachen Reproduktion ist, dass jedes Kapital sich durch sie in kapitalisierten Mehrwert verwandelt, d.h. irgendwann Vergegenständlichung unbezahlter Fremdarbeit wird. Denn der Gegenwert des Startkapitals wird vom Kapitalisten irgendwann aus dem dadurch erzeugten Mehrwert verbraucht. 2000 € gibt der Kapitalist rein, bekommt monatlich 400 € Mehrwert raus, den er ganz verbraucht. Nach 5 Monaten hat er einen Gegenwert von 2000 € verbraucht. Es ist so, als hätte er sein Geld einfach verpulvert. Der damit erzeugte Mehrwert allerdings fungiert weiterhin als Kapital bzw. ersetzt sukzessive das ganze Startkapital und geht in v+c auf. Dadurch wird der Vorschuss, den der Kapitalist vielleicht mal geleistet hat, im laufenden Prozess zu unbezahlt angeeigneter Arbeit. Das Startkapital bewirkt eine schier endlose Reihe der einfachen Reproduktion, der Aneignung von Mehrwert. Der Wert des Startkapitals wird im laufenden Prozess im Verhältnis immer kleiner. Allerdings dient er immer noch als Rechtfertigungsbasis, sein Einsetzen als Kapital als die gütige Ermöglichung von Arbeit und damit von Wohlstand.

Zusammenfassend gilt Folgendes:„Er [der kapitalistische Produktionsprozess] reproduziert und verewigt damit die Exploitationsbedingungen des Arbeiters.“(603)