FU Berlin / Institut für Philosophie / SoSe 2007 / Tutorium: Das Kapital lesen
Das Kapital. Band I. Erster Abschnitt. Zweites Kapitel.
Der Austauschprozeß

Zur Einordnung
Wir sind noch immer im ersten Abschnitt: Ware und Geld.
In Kapitel 1 wurde die Ware als Elementarform kapitalistischen Reichtums behandelt. Es zeigte sich, dass die Geldform und der ihr entsprechende relative Wertausdruck in der Preisform notwendig aus den Wesenseigenschaften der Ware entspringen, und dass ein die Warenproduktion als allgemein bestimmende Produktionsweise einer Gesellschaft gar nicht ohne das allgemeine Äquivalent Geld vonstatten gehen kann.
Im zweiten Kapitel nun wird die Betrachtungsebene gewechselt: Nicht mehr nur die Ware selbst interessiert uns, es rücken die Warenbesitzer ins Blickfeld. Dabei zeigt sich, wie sich die Bestimmungen der Ware selbst im Austauschprozess, d.h. im gesellschaftlichen Bezug der Personen aufeinander, geltend machen.

1. Ware und Warenbesitzer
Die Ware strebt zwar ihrem Begriff nach dazu, ihren Wert auszudrücken. Aber Waren können sich nicht selbst austauschen. Sie sind bloße Gegenstände und der Gewalt des Menschen ausgeliefert. Die Untersuchung der Ware muss also zeigen, warum und wie die Waren durch ihre Besitzer ausgetauscht werden.
Dass Menschen ihre Arbeitsprodukte aufeinander als Waren beziehen, ist nicht naturgegeben. Dafür bedarf es einiger gesellschaftlicher Voraussetzungen: Die Aneignung der fremden Ware kann nur geschehen durch die Veräußerung der eigenen Ware. Die Warenbesitzer müssen sich dazu wechselseitig als Privateigentümer anerkennen, d.h. als Personen, die über ihr Eigentum frei verfügen können.
Dies ist der Form nach ein Willens- bzw. Rechtsverhältnis, das seinen Ausdruck im Vertrag findet; dem Wesen nach ist es ein ökonomisches Verhältnis. Die Personen sind füreinander nur Repräsentanten von Ware. “Wir werden überhaupt im Fortgang der Entwicklung finden, daß die ökonomischen Charaktermasken der Personen nur die Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse sind, als deren Träger sie sich gegenübertreten.” (100)

2. Notwendigkeit des Austauschs
Aus dem ersten Kapitel wissen wir, dass der Ware “jeder andre Warenkörper nur als Erscheinungsform ihres eignen Werts gilt” (100). Vom Standpunkt der Ware aus ist es gleichgültig, ob sie ihren Wert in Milch oder Handgranaten ausdrückt, solang nur die Wertgröße stimmt. Anders der Warenbesitzer: Sein Motiv für den Tauschakt ist der konkrete Gebrauchswert der anderen Ware.
“Alle Waren sind Nicht-Gebrauchswerte für ihre Besitzer, Gebrauchswerte für ihre Nicht-Besitzer.” (100) Die Ware hat für ihren Besitzer nur einen Gebrauchswert: Sie ist austauschbar gegen andere Ware. Wenn ich die Ware des Anderen konsumieren will, muss ich zuerst meine Ware gegen sie eintauschen. Damit ich das kann, muss es aber einen anderen Warenbesitzer geben, der ein Bedürfnis nach meiner Ware hat und bereit ist, seine eigene Ware dafür herzugeben. Und ob meine Ware dazu in der Lage ist, kann ich erst sicher wissen, wenn der Tausch tatsächlich stattfindet.

3. Notwendigkeit eines allgemeinen Äquivalents
Die einfache Wertform lautete: x Ware A = y Ware B. Neben die Waren, die ihren Wert ausdrücken wollen, treten hier aber ihre Produzenten, die in Austausch treten, weil sie den Gebrauchwert haben wollen, den der jeweils andere Produzent herstellt. Vom Standpunkt der Warenbesitzer gesehen, sind die konkreten Gebrauchswerte der Waren der Grund ihres Austauschs. Der Schuster braucht aber nicht nur Brot, sondern auch noch Kaffee, Zigaretten usw. Um all diese Bedürfnisse zu befriedigen, muss er mit den Kaffee- und Zigarettenproduzenten in Austausch treten und hoffen, dass diese ihre Produkte gegen seine Schuhe eintauschen. Der Austausch ist damit für jeden Warenbesitzer sowohl ein individueller als auch ein allgemein gesellschaftlicher Prozess:
- individuell: Er will seine Ware nur veräußern gegen Ware, die für ihn Gebrauchswert besitzt.
- allgemein gesellschaftlich: Er will seine Ware als Wert realisieren, in jeder anderen Ware von demselben Wert, unabhängig davon, ob seine Ware für den anderen Gebrauchswert besitzt. Denn seine eigene Ware ist für ihn Tauschmittel, und als solches will er sie eintauschen können gegen alle anderen Waren.
Jeder Warenbesitzer denkt so; jedem Warenbesitzer gilt jede andere Ware als besonderes Äquivalent seiner eigenen Ware und seine eigene Ware als allgemeines Äquivalent aller anderen Waren. Die Warenbesitzer können ihre Waren aber nur als Werte und darum nur als Waren aufeinander beziehen, indem sie sie grundsätzlich auf eine andere Ware als allgemeines Äquivalent beziehen. Aus dem praktisch bornierten Bewusstsein der Warenbesitzer kann die Lösung dieses Problems nicht entspringen, sie können sich nicht auf eine gemeinsame Tauschbasis „einigen“.
Für einen wirklichen Warentausch, der allgemein gesellschaftlich ist und nicht nur zufällig und begrenzt stattfindet, muss also das allgemeine Äquivalent Geld schon vorausgesetzt sein, weil sonst die Produzenten gar nicht auf Grundlage des Werts tauschen könnten. Dass einer bestimmten Ware der Platz des Geldes zukommt, ist aber keine ewige Natureigenschaft des menschlichen Gattungslebens, sondern hat sich historisch herausgebildet, ebenso wie die Tatsache, dass nützliche Dinge die Warenform annehmen.

4. Vom unmittelbaren Produktenaustausch zum Warentausch
Die historische Genese dieser Verhältnisse behandelt Marx auf S. 101ff. Wenn Warenbesitzer ihre Waren mit verschiedenen anderen Waren tauschen und vergleichen, werden verschiedene Waren von verschiedenen Warenbesitzern in ihrem Verkehr immer auch mit einer dritten Warenart ausgetauscht und als Werte verglichen. Diese Warenart erhält so in gewissen Grenzen unmittelbar allgemeine Äquivalentform. Wenn alle Warenbesitzer Turnschuhe brauchen, ist der Schuster fein raus: Alle Waren drücken ihre Werte im Turnschuh aus; der Turnschuh ist unmittelbar austauschbar gegen jede andere Ware. Er ist also allgemeines Äquivalent. Prinzipiell kann jede Ware zum allgemeinen Äquivalent werden, egal ob Rinder, Salz oder sogar Menschen (als Sklaven). Die einzige Grenze liegt darin, dass das Ding veräußerlich sein muss.
Ganz naturwüchsig bringt der Warentausch auf einer Stufe, wo er noch nicht wirklich kapitalistischer Warentausch ist, also bereits allgemeine Äquivalente auf begrenzter Ebene hervor. Die “Gesetze der Warennatur” (101) schaffen das, was durch bewusste Tat der Warenbesitzer nicht erreicht werden kann: Eine bestimmte Ware wird dadurch, dass sich alle anderen Waren mit ihr vergleichen und ihre Werte in ihr ausdrücken, aus der übrigen Warenwelt ausgeschlossen und zum allgemeinen Äquivalent. Die Naturalform dieser Ware wird gesellschaftlich gültige Äquivalentform, sie wird Geld.
Die Geldware besitzt so einen doppelten Gebrauchswert:
- den besonderen Gebrauchswert als Ware (Salz kann man essen, Sklaven kann man arbeiten lassen)
- einen formalen, gesellschaftlichen Gebrauchswert als Geld (unmittelbar austauschbar gegen jede andere Ware)
Die historische Ausweitung und Vertiefung des Austausches entwickelt den der Ware immanenten Gegensatz von Gebrauchswert und Wert und stellt ihn dar in einem äußeren Gegensatz: in der Verdopplung der Ware in Ware und Geld. “In demselben Maße daher, worin sich die Verwandlung der Arbeitsprodukte in Waren, vollzieht sich die Verwandlung von Ware in Geld.” (S. 102)

5. Edelmetalle als natürliches Geldmaterial
Warum haben sich weltweit Gold und Silber als Geldwaren durchsetzen können? Das liegt an ihren natürlichen Eigenschaften, die ziemlich genau den Funktionen des Geldes entsprechen.
Die Funktion des Geldes ist:
- Erscheinungsform des Warenwerts und
- Vergegenständlichung abstrakt menschlicher Arbeit zu sein.
Was muss ein Geldmaterial also können?
- Sämtliche Exemplare müssen von gleicher Qualität sein und
- das Material muss willkürlich teilbar und wieder zusammensetzbar sein.
Rinder und Sklaven weisen durch ihre natürliche Beschaffenheit diese Eigenschaften nicht auf. Rind ist nicht gleich Rind (verschieden stark, verschieden alt…), und wenn man das Rind zerteilt, ist es kaputt. Edelmetalle sind tauglicher: Eine Einheit Gold ist gleich einer Einheit Gold. Man kann sie beliebig einschmelzen und zu Barren oder Münzen gießen, je nach der Wertgröße, die sie ausdrücken sollen.

6. Der Geldfetisch
Wenn der Prozess, in dem sich eine Geldware herausbildet, abgeschlossen ist, sieht es so aus, als sei das Geld von Natur aus Geld. “Die vermittelnde Bewegung verschwindet in ihrem eignen Resultat und läßt keine Spur zurück.” (107) Das Edelmetall wird durch die anderen Waren, die alle ihre Werte in ihm ausdrücken, zum Geld gemacht. Doch es scheint umgekehrt: Die Waren drücken ihre Werte im Edelmetall aus, weil es Geld ist. Die “Magie des Geldes” (107) rührt daher, dass eine Ware in ihrer Naturalform “die unmittelbare Inkarnation aller menschlichen Arbeit” (107) ist. Für die Warenbesitzer stellt sich das Resultat ihrer Tauschbeziehungen dann dar als “Geld regiert die Welt”, obwohl sie das Geld erst durch ihr praktisches Handeln zu dem machen, was es ist.
“Das bloß atomistische Verhalten der Menschen in ihrem gesellschaftlichen Produktionsprozeß und daher die von ihrer Kontrolle und ihrem bewussten individuellen Tun unabhängige, sachliche Gestalt ihrer eignen Produktionsverhältnisse erscheinen zunächst darin, dass ihre Arbeitsprodukte allgemein die Warenform annehmen. Das Rätsel des Geldfetischs ist daher nur das sichtbar gewordne, die Augen blendende Rätsel des Warenfetischs.” (107f.)