19. Kapitel: Der Stücklohn

Neben dem Zeitlohn gibt es eine weitere Lohnform – Stücklohn. Dieser misst nicht den Wert der produzierten Waren durch die in ihnen enthaltene Arbeitszeit, sondern den Grad der Verausgabung von Arbeit mittels der Anzahl der pro Zeit produzierten Stücke: „Beim Zeitlohn mißt sich die Arbeit an ihrer unmittelbaren Zeitdauer, beim Stücklohn am Produktenquantum, worin Arbeit während bestimmter Zeitdauer verdichtet.“ ( S. 576 )

Beim Stücklohn ist ein direktes Verhältnis der Bezahlung zur erfolgreichen, also Mehrwert bildenden Anwendung der Arbeitskraft aufgemacht. Es gilt nur diejenige Arbeit, deren Produkt ein gelungenes, also vollwertiger Wertträger, ist. Der Stück- und Leistungslohn insgesamt macht den Preis der Arbeit abhängig von der gelungenen Anwendung der Arbeitskraft, d. h. von der praktizierten Leistung für das Kapital: „Die Qualität der Arbeit ist hier durch das Werk selbst kontrolliert, das die durchschnittliche Güte besitzen muß, soll der Stückpreis voll bezahlt werden. Der Stücklohn wird nach dieser Seite hin zu fruchtbarster Quelle von Lohnabzügen und kapitalistischer Prellerei.“ ( S. 576 )

Marx bezeichnet den Stücklohn als die dem Kapitalismus adäquateste Form des Lohnes. Dies hat seinen Grund darin, dass der Kapitalist im Stücklohn nur noch gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bezahlt, indem er jeden Arbeiter gemäß durchschnittlicher Verausgabungszeit pro Produkt, also unterschiedlich bezahlt. So ergibt sich die Reduktion der Besonderheit des Arbeiters auf die Abstraktion einer Durchschnittsarbeitskraft gerade durch die „Berücksichtigung“ der Unterschiede in Sachen Leistungskraft und -willen. Die Arbeiter werden also nicht wie beim Zeitlohn ganz abstrakt als Exemplare der Durchschnittsarbeitskraft behandelt, obwohl sie es in ihrer Arbeit gar nicht sind.

Wie schon beim Zeitlohn erörtert ist der Lohn der Hebel zur Intensivierung der Arbeit. Der Stücklohn führt nicht nur zur Ausdehnung des Arbeitstages, sondern auch zur Erhöhung der Intensität der Arbeit selbst. Wer sich mehr schindet erhält auch einen höheren Lohn: „Den Stücklohn gegeben, ist es natürlich das persönliche Interesse des Arbeiters, seine Arbeitskraft möglichst intensiv anzuspannen, was dem Kapitalisten eine Erhöhung des Normalgrads der Intensität erleichtert. Es ist ebenso das persönliche Interesse des Arbeiters, den Arbeitstag zu verlängern, weil damit sein Tages- oder Wochenlohn steigt. Es tritt damit die beim Zeitlohn bereits geschilderte Reaktion ein, abgesehn davon, daß die Verlängerung des Arbeitstags, selbst bei konstant bleibendem Stücklohn, an und für sich eine Senkung im Preise der Arbeit einschließt.“ ( S. 577-578 )

Auch hier bieten sich dem Arbeiter Alternativen, zwischen denen sich zu Entscheiden schwer fällt: sich entweder buchstäblich krumm und bucklig schuften und dafür ein bisschen mehr allgemeines Äquivalent in der Tasche haben. Oder den Körper schonen und dies mit Einbußen bei den Möglichkeiten zur Bedürfnisbefriedigung zahlen.

20. Kapitel: Nationale Verschiedenheit der Arbeitslöhne

Im Vergleich nationaler Arbeitslöhne können sich Unterschiede feststellen lassen. Nur wenn man den Stücklohn als Gradmesser heranzieht kann man hieraus dann Auskunft bekommen über die Produktivität und Intensität der Arbeiten in den unterschiedlichen Ländern. Hierbei gilt dann:

„Im Maß, wie in einem Lande die kapitalistische Produktion entwickelt ist, im selben Maß erheben sich dort auch die nationale Intensität und Produktivität der Arbeit über das internationale Niveau. Die verschiedenen Warenquanta derselben Art, die in verschiedenen Ländern in gleicher Arbeitszeit produziert werden, haben also ungleiche internationale Werte, die sich in verschiedenen Preisen ausdrücken, d.h. in je nach den internationalen Werten verschiednen Geldsummen. Der relative Wert des Geldes wird also kleiner sein bei der Nation mit entwickelterer kapitalistischer Produktionsweise als bei der mit wenig entwickelter. Folgt also, daß der nominelle Arbeitslohn, das Äquivalent der Arbeitskraft ausgedrückt in Geld, ebenfalls höher sein wird bei der ersten Nation als bei der zweiten; was keineswegs besagt, daß dies auch für den wirklichen Lohn gilt, d.h. für die dem Arbeiter zur Verfügung gestellten Lebensmittel.
Aber auch abgesehn von dieser relativen Verschiedenheit des Geldwerts in verschiedenen Ländern, wird man häufig finden, daß der Tages-, Wochen-, etc. Lohn bei der ersteren Nation höher ist als bei der zweiten, während der relative Arbeitspreis, d.h. der Arbeitspreis im Verhältnis sowohl zum Mehrwert wie zum Wert des Produkts, bei der zweiten Nation höher steht als bei der ersteren.“ ( S. 584 )
Diese reichen vom alten sozialdemokratischen Gassenhauer vom „Gerechten Lohn für ein gerechtes Tagwerk.“ über das moralische Richten darüber, wer wie viel verdient bis hin zum fassungslosen Entsetzen darüber „seinen“ Arbeitsplatz zu verlieren, wo man sich doch sein Lebtag lang für die Firma abgerackert hat.