18. Kapitel: Der Zeitlohn

„Der Verkauf der Arbeitskraft findet, wie man sich erinnert, stets für bestimmte Zeitperioden statt. Die verwandelte Form, worin der Tageswert, Wochenwert usw. der Arbeitskraft sich unmittelbar darstellt, ist daher die des »Zeitlohns«, also Tageslohn usw.“ ( S. 565 )

Durch Division des ( Tages-, Wochen-, etc.- )Werts der Arbeitskraft durch die durchschnittliche Stundenzahl der Arbeit ergibt sich der durchschnittliche Preis der Arbeitskraft – Stundenlohn. Dieser fungiert dann als einheitliches Maß für den Preis der Arbeit und dies hat Konsequenzen: die Trennung der Lohnzahlung vom Wert, d.h. den Gesamtreproduktionskosten der Arbeiter. Der Kapitalist ist in keiner Weise verpflichtet als Bedingung der produktiven Anwendung der Arbeitskraft als Mehrwertquelle, deren ( Tages-, Wochen-, etc.- ) Wert zu zahlen. Der Lebensunterhalt des Arbeiters ist also eine abhängige Variable der abgeleisteten Arbeitsstunden: „Sah man früher die zerstörenden Folgen der Überarbeit, so entdeckt man hier die Quellen der Leiden, die für den Arbeiter aus seiner Unterbeschäftigung entspringen.“ ( S. 568 )

Andererseits wird eine überdurchschnittlich lange Arbeitszeit durch den Stundenlohn völlig korrekt entgolten. Durch das Regime des Zeitlohns ist es dem Kapitalisten möglich „jede Regelmäßigkeit der Beschäftigung [zu] vernichten und ganz nach Bequemlichkeit, Willkür und augenblicklichem Interesse die ungeheuerste Überarbeit mit relativer oder gänzlicher Arbeitslosigkeit abwechseln [zu] lassen.“ ( S. 568 ) Auf Basis dessen, dass jede gezahlte Stunde ein Mittel zur Erpressung von Mehrarbeit ist, garantiert der Zeitlohn dem Kapital die Verfügung über die Arbeits- und somit die Lebenszeit derer, die vom Lohn abhängig sind.

Die Arbeiter selbst stehen prinzipiell vor zwei Alternativen: einerseits können sie durch die Ausdehnung der Arbeitszeit ihren Verdienst erhöhen und somit ihre Mittel zur Bedürfnisbefriedigung vergrößern. Dies allerdings geht auf Kosten der Fähigkeit, sich den Bedürfnissen zu widmen ( Zeitmangel, Erschöpfung, körperlicher Verschleiß, etc ). Anderseits ist es ihnen möglich durch Teilzeit oder den Verzicht auf Überstunden ihre Freizeit zu erweitern. Dies geht dann freilich nur auf Kosten der Mittel zu deren angenehmen Gestaltung.

In der Regel ist es allerdings nicht Sache der Arbeiter über diese Alternativen zu entscheiden; sie werden ihnen vom Kapital und der Dialektik des Lohns selbst diktiert: der niedrige Preis der Arbeitskraft erzeugt ein Bedürfnis nach Überstundenzuschlägen und „mehr Arbeit“ bei den Arbeitern und „[d]ie so unter den Arbeitern erzeugte Konkurrenz befähigt den Kapitalisten, den Preis der Arbeit herabzudrücken, während der fallende Preis der Arbeit ihn umgekehrt befähigt, die Arbeitszeit noch weiter heraufzuschrauben.“ ( S. 571 )