15. Kapitel Größenwechsel von Preis der Arbeitskraft und Mehrwert

Schauen wir uns noch einmal die Definition des Werts der Arbeitskraft an. Sie ist wie folgt bestimmt, wobei die Masse der Lebensmittel von uns als konstante Größe vorausgesetzt wird:

„Der Wert der Arbeitskraft ist bestimmt durch den Wert der gewohnheitsmäßig notwendigen Lebensmittel des Durchschnittsarbeiters“ (S.542)

Variabel ist allerdings der Wert dieser Masse an Lebensmittel. Zudem ist die Arbeitskraft durch zwei weitere Faktoren in ihrem Wert bestimmt. Das sind erstens ihre Entwicklungskosten und zweitens ihre Naturdifferenz, also ob ein Arbeiter männlich oder weiblich ist und ob er reif oder unreif ist. Diese zwei weiteren Faktoren bleiben bei unserer Analyse aber unberücksichtigt. Des weiteren gehen wir davon aus, dass die Waren zu ihrem Wert verkauft werden und dass der Preis der Arbeitskraft niemals unter ihren Wert fällt. Basierend auf diesen Unterstellungen „fand sich, daß die relativen Größen von Preis der Arbeitskraft und von Mehrwert durch drei Umstände bedingt sind:

die Lände des Arbeitstags oder die extensive Größe der Arbeit;
die normale Intensität der Arbeit oder ihre intensive Größe, so daß ein bestimmtes Arbeitsquantum in bestimmter Zeit verausgabt wird;
endlich die Produktivkraft der Arbeit, so daß je nach dem Entwicklungsgrad der Produktionsbedingungen dasselbe Quantum Arbeit in derselben Zeit ein größeres Quantum Produkt liefert.“ (S.542)

Marx betrachtet nun die Hauptkombinationen dieser 3 Punkte.

Größe des Arbeitstags und Intensität der Arbeit konstant
(gegeben), Produktivkraft der Arbeit variabel

„Unter dieser Voraussetzung sind Wert der Arbeitskraft und Mehrwert durch drei Gesetze bestimmt.

Erstens: Der Arbeitstag von gegebner Größe stellt sich stets in demselben Wertprodukt dar, wie auch die Produktivität der Arbeit, mit ihr die Produktenmasse und daher der Preis der einzelnen Ware wechsle.

Zweitens: Wert der Arbeitskraft und Mehrwert wechseln in umgekehrter Richtung zueinander. Wechsel in der Produktivkraft der Arbeit, ihre Zunahme oder Abnahme, wirkt in umgekehrter Richtung auf den Wert der Arbeitskraft und Arbeitskraft und in direkter auf den Mehrwert.
[Zusätzlich gilt: „Es folgt hieraus, daß die Zunahme in der Produktivität der Arbeit den Wert der Arbeitskraft senkt und damit den Mehrwert steigert, während umgekehrt die Abnahme der Produktivität den Wert der Arbeitskraft steigert und den Mehrwert senkt.“ (S.544). Wobei zu berücksichtigen ist, dass dies NICHT proportional erfolgen muss. Wichtig ist ebenfalls der ursprüngliche Teil des Arbeitstags, der sich in Mehrwert darstellt!]

Drittens: Zu- oder Abnahme des Mehrwerts ist stets Folge und nie Grund der entsprechenden Ab- und Zunahme des Werts der Arbeitskraft.“ (S.543f.)

Konstanter Arbeitstag, konstante Produktivkraft der Arbeit,
Intensität der Arbeit variabel

Jetzt kommt die Intensität der Arbeit ins Spiel. Intensivere Arbeit ist dadurch gekennzeichnet, dass im selben Zeitraum eine vermehrte Ausgabe von Arbeit erfolgt, also im Gegensatz zu einer Erhöhung der Produktivkraft mehr Produkte produziert werden, ohne dass ihre Preise fallen. Es entsteht also ein höheres Wertprodukt, sprich eine höhere Preissumme. Als Konsequenz ergibt sich, dass sowohl der Preis der Arbeitskraft als auch der Mehrwert gleich oder ungleich anwachsen können. Die natürliche Grenze dieses Prozesses ist jedoch erreicht, sobald der höhere Intensitätsgrad zum gewöhnlichen gesellschaftlichen Normalgrad wird. Dann können höchstens noch Unterschiede zwischen den diversen Nationalarbeitstagen bestehen.

Produktivkraft und Intensität der Arbeit konstant,
Arbeitstag variabel

Man kann den Arbeitstag verkürzen und verlängern.

Verkürzung des Arbeitstags unter den gegebenen Bedingungen, d.h. gleichbleibender Produktivkraft und Intensität der Arbeit, läßt den Wert der Arbeitskraft und daher die notwendige Arbeitszeit unverändert. Sie verkürzt die Mehrarbeit und den Mehrwert. (S.548)

Verlängerung des Arbeitstags: Da das Wertprodukt, worin sich der Arbeitstag darstellt, mit seiner eignen Verlängerung wächst, können Preis der Arbeitskraft und Mehrwert gleichzeitig wachsen, sei es um gleiches oder ungleiches Inkrement. Dies gleichzeitige Wachstum ist also in zwei Fällen möglich, bei absoluter Verlängerung des Arbeitstags und bei wachsender Intensität der Arbeit ohne solche Verlängerung. (S. 549)

Gleichzeitige Variationen in Dauer, Produktivkraft
und Intensität der Arbeit

Vorbemerkung: Den Varianzfeldern der 3 Faktoren sind keine Beschränkungen auferlegt. Interessant sind zwei wichtige Fälle. Im ersten Fall nimmt die Produktivkraft der Arbeit ab, der Arbeitstag wird aber gleichzeitig verlängert. Das ist z.B. der Fall bei zunehmender Unfruchtbarkeit des Bodens. Es ergibt sich die folgende Regel:

„Bei abnehmender Produktivkraft der Arbeit und gleichzeitiger Verlängerung des Arbeitstags kann also die absolute Größe des Mehrwerts unverändert bleiben, während seine proportionelle Größe fällt; seine proportionelle Größe kann unverändert bleiben, während seine absolute Größe wächst, und, je nach dem Grad der Verlängerung, können beide wachsen.“ (S.550)

Im zweiten Fall untersucht Marx die Konstellation, wenn Intensität und Produktivität der Arbeit zunehmen und das mit einer Verkürzung des Arbeitstags einhergeht. Die Produktenmasse wird also erhöht und gleichzeitig verkürzt sich der notwendige Teil des Arbeitstags und der ganze Arbeitstag, was zur Folge hat, dass die Mehrarbeit verschwände, was im Kapitalismus nicht möglich ist, sehr wohl aber im Kommunismus: „Die Beseitigung der kapitalistischen Produktionsform erlaubt, den Arbeitstag auf die notwendige Arbeit zu beschränken.“(S.552). Der notwendige Teil würde aber steigen um eine bessere Bedürfnisbefriedigung aller zu ermöglichen und um einen Reserve- und Akkumulationsfonds bilden zu können. Zusätzlich wäre alle nutzlose Arbeit vermieden, die nur dem Konkurrenzzwang und der Anarchie geschuldet ist. Der allgemeine Lebensstandard stiege und eine wirklich faire gesellschaftliche Arbeitsteilung wäre die Folge:

„Intensität und Produktivkraft der Arbeit gegeben, ist der zur materiellen Produktion notwendige Teil des gesellschaftlichen Arbeitstags um so kürzer, der für freie, geistige und gesellschaftliche Betätigung der Individuen eroberte Zeitteil also um so größer, je gleichmäßiger die Arbeit unter alle werkfähigen Glieder der Gesellschaft verteilt, je weniger eine Gesellschaftsschichte die Naturnotwendigkeit der Arbeit von sich selbst ab- und einer andren Schichte zuwälzen kann.“ (S.552)