Karl Marx: Das Kapital
Kapitel I. Abschnitt 3
Wertformanalyse

„Wir kennen jetzt die Substanz des Werts. Es ist die Arbeit. Wir kennen sein Größenmaß. Es ist die Arbeitszeit. Seine Form, die den Wert eben zum Tausch-Wert stempelt, bleibt zu analysieren.“ (MEW23, 55(FN))

Wert…?
In Gesellschaften, in denen kapitalistische Produktionsweise herrscht, geht Bedürfnisbefriedigung über Warentausch vonstatten: Man kommt an die Sachen, die man braucht, indem man tauscht. Etwas, das man hat, gegen etwas, das man nicht hat.1 Dass das so ist, liegt am Eigentum. Das Verhältnis, das Bedürfnisbefriedigung im Kapitalismus vermittelt, ist ein Eigentumsverhältnis, das sich im Wert ausdrückt. Dadurch, dass Eigentum herrscht, bin ich gezwungen, zu tauschen.
Wert ist dabei das gesellschaftlich vermittelte Verhältnis, in dem sich zwei Waren gegenüber treten. Waren, die gleich viel Wert sind, gelten als gleich hoher Anteil an gesellschaftlicher Arbeit. Der Wert einer Ware ist ihre Austauschpotenz, der Gradmesser der gesellschaftlichen Zugriffsmacht. Je mehr Wert ich mein Eigentum nenne, desto größer ist meine private Zugriffsmacht auf den Reichtum der Gesellschaft. Negativ betrachtet: Durch das Prinzip des Eigentums findet organisierter Ausschluss vom gesellschaftlichen Reichtum statt.2

[kap1] 3. Die Wertform oder der Tauschwert (62)

Verfügungsgewalt wird über Geld ausgeübt. Damit kann ich auf den Reichtum dieser Gesellschaft zugreifen. Die Waren werden dem Geld in bestimmter Proportion gleichgesetzt. Die Geldform ist die gemeinsame Wertform der Waren; die Form also, die der Wert der Waren annimmt.
In diesem Abschnitt wird nun ihrer GENESIS nachgegangen. Dies ist nicht historisch, sondern analytisch zu verstehen: Es findet eine begriffliche Rekonstruktion des Zusammenhangs zwischen der einfachen Wertform und der Geldform statt. Es geht also nicht um die Frage: „Wie ist Geld entstanden?“, sondern darum, zu klären, was Geld eigentlich ist.
„Was Marx herleitet, ist nicht die Existenz des Geldes – Geld gibt es –, sondern er stellt dar, was das Geld ist und warum es das Geld in der warenproduzierenden Gesellschaft notwendig gibt.“ (Iber, 49)
Die bürgerliche Ökonomie sucht nicht nach dem Wesen des Geldes. Ihr geht es um die Funktionen, denn sie hält Geld für ein bloßes TAUSCHMEDIUM und begründen es auch so:
„Die Verwendung von Geld im Tauschverkehr stiftet erheblichen Nutzen.“
oder:
„Die Probleme unmittelbarer Tauschakte werden durch Einführung des Geldes als generelles Tauschgut vermieden.“

Marx will dagegen nachweisen, dass Warenproduktion und Geldform sich nicht trennen lassen, d.h. dass Geld mehr als nur ein praktisches Hilfsmittel ist. Ihm geht es darum, zu zeigen, dass die Existenz von Warentausch und die Existenz von Geld einen immanenten, notwendigen Zusammenhang aufweist: Warentausch ist immer schon, als ob es Geld gäbe! Es geht also nicht ums Geld, es geht um das gesellschaftliche Verhältnis, das dahinter steckt: Da hat jemand was, das ich brauche und ich kriege es nicht, weil ich es brauche, sondern weil ich was gebe, was gleich viel wert ist.

Geld kann bereits aus der Struktur der Ware erklärt werden: Die Erklärung der Ware schließt diejenige ihrer „Entwicklung“ zur Wertform ein. Der Wert macht die Wertform deshalb nötig, weil er an der einzelnen Ware selbst nicht erscheinen kann: Wert ist unfassbar, er braucht eine Gestalt in der er erscheinen kann.
Dass eine Ware Wert hat, soll Mittel sein, um auf andere Waren zugreifen zu können. Als einzelne Ware kann sie aber nicht unmittelbar auf alle anderen Waren zugreifen. Um wirkliche Zugriffsmacht zu sein, muss sie ihren Wert selbstständig darstellen können: im Geld.
Geld ist die von der Warenvielfalt ausgeschlossene, selbstständige Wertform: Der Wert der Waren existiert also im Tausch in ihrer Gleichsetzung mit einer allgemeingültigen Äquivalentware. Wert und Wertgröße lassen sich mit Hilfe des „allgemeinen Äquivalents“, also des Geldes, so ausdrücken, als wären sie Eigenschaften der einzelnen Ware. Dabei ist die Wertform tatsächlich eine bloße gegenständliche Reflexion des gesellschaftlichen Verhältnisses zwischen Warenbesitzern. Die Gesellschaftlichkeit des Wert drückt sich in einer spezifisch gesellschaftlichen Wertform aus.

Das „Geheimnis“ aller Wertformen steckt schon in der „einfachen Wertform“, mit der Marx seine Analyse der Wertform beginnt: der Wert einer Ware wird in einer zweiten Ware ausgedrückt.

A. Einfache, einzelne oder zufällige Wertform
„x Ware A = y Ware B“ oder „x Ware A ist y Ware B wert“
(20 Ellen Leinwand = 1 Rock“ oder „20 Ellen Leinwand sind 1 Rock wert)

Der Wert der Leinwand kann nur relativ dargestellt werden, d.h. in Beziehung zu anderer Ware. Die Leinwand befindet sich daher in „relativer Wertform“. Der Rock funktioniert in dieser Gleichung als Äquivalent, er befindet sich also in „Äquivalentform“. Dieselbe Ware kann im selben Wertausdruck nicht gleichzeitig in beiden Formen auftreten. Im einfachen Wertausdruck kann nur jeweils der Wert einer Ware ausgedrückt werden.
Am einzelnen Gebrauchswert ist der Wert nicht zu fassen, eine gegenständliche Form erhält er erst im Wertausdruck: Die Ware, die sich in Äquivalentform befindet, gilt jetzt als die Verkörperung des Werts der Ware, die sich in relativer Wertform befindet. Ware B (Rock, als Träger von Wert: in ihm steckt abstrakt-menschliche Arbeit) in Äquivalentform verkörpert den Wert der Ware A (Leinwand, die sich in relativer Wertform befindet). Im Wertausdruck gilt der Gebrauchswert des Rockes als Verkörperung von Wert: Rockform ist Wertform. Vermittels des Wertverhältnisses wird der Körper der Ware B zum Wertspiegel der Ware A.
Die Wertform hat also nicht nur Wert überhaupt, sondern Wertgröße auszudrücken: Im Rock steckt ebensoviel Wertsubstanz wie in der Leinwand: beide Warenquanta kosten gleichviel Arbeitszeit. Darüber hinaus ist eine quantitative Wertbestimmung möglich – die Äquivalentform einer Ware ist „nur“ die Form ihrer unmittelbaren Austauschbarkeit mit anderer Ware. Im Wertausdruck wird Gebrauchswert zur Erscheinung seines Gegenteils, des Werts. D.h. die Ware gilt in ihrer Gebrauchswertrealität als Wert (erste Eigentümlichkeit der Äquivalentform). Indem Gebrauchswert zur Erscheinung von Wert wird, erscheint etwas „rein gesellschaftliches“, ihr Wert, in natürlicher, dinglicher Gestalt. Die Äquivalentform führt somit zur „Verdinglichung“, zur „Naturalisierung“ von etwas rein Gesellschaftlichem; daher das Rätselhafte der Äquivalentform: Der Rock vertritt im Wertausdruck der Leinwand eine „übernatürliche“ Eigenschaft beider Dinge: ihren Wert. Ein gesellschaftliches Verhältnis erscheint also als eine Eigenschaft des Rockes.
Der Körper der Ware, die zum Äquivalent dient, gilt stets als Verkörperung abstrakt- menschlicher Arbeit und ist stets das Produkt einer bestimmten nützlichen, konkreten Arbeit. Diese konkrete Arbeit wird also zum Ausdruck abstrakt menschlicher Arbeit (zweite Eigentümlichkeit der Äquivalentform). Jede Arbeit hat an sich diesen Doppelcharakter. Aber der Wertausdruck reißt die beiden Gesichtspunkte auseinander, „verdinglicht“ jeden in einer der beiden Waren und stellt sie in dieser Form polar einander entgegen. Die Äquivalentware bildet zwar weiterhin ihren besonderen Gebrauchswert, aber innerhalb der Wertbeziehung gilt sie unmittelbar als Wert. Somit wird konkrete Arbeit zur Erscheinungsform ihres Gegenteils, zu Arbeit in unmittelbar gesellschaftlicher Form (dritte Eigentümlichkeit der Äquivalentform).
Isoliert bertrachtet ist die zweite Ware genauso Gebrauchswert, wie die erste. Innerhalb des Wertausdrucks spielt sie aber eine spezifische Rolle: unmittelbare Verkörperung von Wert. Nur weil der Wert die Form eines Rockes annimmt, erhält der Wert der Leinwand eine gegenständliche Form, ihr Wert wird fassbar, sichtbar, messbar als eine bestimmte Menge Rock.
Die einfach Wertform einer Ware ist also enthalten in ihrem Wertverhältnis zu einer verschiedenartigen Ware oder im Austauschverhältnis mit derselben. So ist der Wert einer Ware selbstständig ausgedrückt durch seine Darstellung als Tauschwert.
Die Wertform, der Wertausdruck entspringt also aus der Natur des Warenwerts und nicht der Wert bzw. die Wertgröße aus ihrer Ausdrucksweise als Tauschwert.
Der in der Ware enthaltene innere Gegensatz zwischen Gebrauchswert und Tauschwert wird also ausgedrückt durch das Verhältnis zweier Waren, worin die eine Ware, deren Wert ausgedrückt werden soll, unmittelbar nur als Gebrauchswert, die andere Ware, worin Wert ausgedrückt werden soll, unmittelbar nur als Tauschwert gilt.
Wert ist etwas rein gesellschaftliches, er drückt die gleiche Gültigkeit zweier ganz verschiedener Arbeiten aus, also ein gesellschaftliches Verhältnis: dies erhält in der Äquivalentform die Gestalt eines Dings: Rock ist innerhalb des Wertausdrucks Verkörperung von Wert.
„Eigentümlich“ an der Wertform ist gerade das, was sie einem normalen Maßverhältnis unterscheidet: dass die Ware, mittels welcher Wert ausgedrückt wird, nicht einfach als Maßstab, sondern als unmittelbare Verkörperung von Wert gilt.

Die „totale oder entfaltete Wertform“ erhält man, betrachtet man das Wertverhältnis der Ware A (Leinwand) zu allen übrigen Waren, bezieht man die Leinwand auf die gesamte Warenwelt. Kehrt man dieses Verhältnis um, bezieht also die gesamte Warenwelt auf die Leinwand, erhalten wir die „allgemeine Wertform“: Der Wert der Waren ist einheitlich ausgedrückt, eine Ware dient als Wertausdruck für alle anderen Waren: sie ist allgemeines Äquivalent. Die Gesellschaftlichkeit des Werts drückt sich in einer spezifisch gesellschaftlichen Wertform aus.
Innerhalb der Warenwelt verwächst eine Ware dauerhaft mit der Äquivalentform, sie wird dadurch zur Geldware, also zu Geld. „Es wird ihre spezifisch gesellschaftliche Funktion, und daher ihr gesellschaftliches Monopol, innerhalb der Warenwelt die Rolle des allgemeinen Äquivalents zu spielen.“ (MEW23, 83)