Karl Marx: Das Kapital. Erster Band.
Zehntes Kapital. Begriff des relativen Mehrwerts.

„Die Bewegung des Kapitals ist … maßlos.“ (MEW23, 167) Zweck der Kapitalbewegung ist Mehrwertproduktion. Steigerung der Mehrwertproduktion ist daher das ewige Ziel des Kapitalisten.
Resultat des vorangegangenen Abschnitts: Mehrwertsteigerung findet ihre Schranke im Normalarbeitstag.

„Durch Verlängrung des Arbeitstags produzierten Mehrwert nenne ich absoluten Mehrwert; den Mehrwert dagegen, der aus Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit und entsprechender Verändrung im Größenverhältnis der beiden Bestandteile des Arbeitstags entspringt – relativen Mehrwert.“ (334)

Voraussetzung für die relative Mehrwertproduktion, für die Verlängerung der Mehrarbeit ist eine „Revolution in den Produktionsbedingungen“ (333), d.h. eine Produktivkraftsteigerung. Dadurch werden in der selben Zeit mehr Gebrauchswerte hergestellt.

Die Verkürzung der notwendigen Arbeit funktioniert darüber, dass der Fortschritt der Produktivkräfte in den Bereichen der Arbeiterlebensmittel vor sich geht, die also billiger werden: Die Arbeiter benötigen weniger Zeit von ihrem Arbeitstag, um den Wert ihrer Arbeitskraft zu reproduzieren.

Der Kapitalist überlegt sich das NICHT so: Ich muss produktiver produzieren, damit der Wert der Ware Arbeitskraft sinkt und die Mehrarbeit verlängert wird. (Er weiß ja gar nichts von dem Wert der Ware Arbeitskraft.) Er wird durch die KONKURRENZ unter den Kapitalisten zur Produktivitätssteigerung angespornt bzw. gezwungen.

Der Kapitalist, der als erster die neue Produktionsanlage anschafft hat einen Vorteil, der es ihm ermöglicht einen EXTRAMEHRWERT zu erwirtschaften: Er kann mehr Produkte in kürzerer Zeit herstellen. (Dabei bleibt die Wertproduktion eines Arbeitstages gleich, verteilt sich nur auf mehr Produkte.) D.h. seine Produkte sind weniger Wert als die anderen auf dem Markt.

„Der wirkliche Wert einer Ware ist aber nicht ihr individueller, sondern ihr gesellschaftlicher Wert, d.h., er wird nicht durch die Arbeitszeit gemessen, die sie im einzelnen Fall dem Produzenten tatsächlich kostet, sondern durch die gesellschaftlich zu ihrer Produktion erheischte Arbeitszeit. Verkauft also der Kapitalist, der die neue Methode anwendet, seine Ware zu ihrem gesellschaftlichen Wert von 1 sh., so verkauft er sie 3 d. über ihrem individuellen Wert und realisiert so einen Extramehrwert von 3 d.“ (336)
Das funktioniert aber immer nur vorübergehend, da die anderen Kapitalisten nachziehen, sich die neue Produktionsanlage zulegen und dann geht alles wieder von vorne los.

„Der Wert der Waren steht in umgekehrtem Verhältnis zur Produktivkraft der Arbeit. Ebenso, weil durch Warenwerte bestimmt, der Wert der Arbeitskraft. Dagegen steht der relative Mehrwert in direktem Verhältnis zur Produktivkraft der Arbeit. Er steigt mit steigender und fällt mit fallender Produktivkraft.“ (338)

„Der absolute Wert der Ware ist dem Kapitalisten, der sie produziert, an und für sich gleichgültig. Ihn interessiert nur der in ihr steckende und im Verkauf realisierbare Mehrwert. Realisierung von Mehrwert schließt von selbst Ersatz des vorgeschoßnen Werts ein. Da nun der relative Mehrwert in direktem Verhältnis zur Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit wächst, während der Wert der Waren in umgekehrtem Verhältnis zur selben Entwicklung fällt, da also derselbe identische Prozeß die Waren verwohlfeilert und den in ihnen enthaltnen Mehrwert steigert, löst sich das Rätsel, daß der Kapitalist, dem es nur um die Produktion von Tauschwert zu tun ist, den Tauschwert der Waren beständig zu senken strebt…“ (338f)