Karl Marx. Das Kapital.
1. Kapitel, 4. Abschnitt (MEW 23: 85-98)

Der Fetischcharakter der Waren und sein Geheimnis

Bis jetzt ging es um die Beschreibung und Analyse der Eigenschaften, die ein Gegenstand hat, wenn er als Ware produziert wird. Dieser Abschnitt stellt die Frage, weshalb diese Eigenschaften so schwer zu erkennen sind: Weshalb bleibt die Ware im alltäglichen Umgang ein mysteriöses Ding? Denn: Sobald ein ordinärer Gegenstand „als Ware auftritt, verwandelt er sich in ein sinnlich übersinnliches Ding.“ (85) Wie kommt Marx zu dieser Behauptung? Was ist so mysteriös an der Ware?

Der rätselhafte Charakter der Warenform besteht weder in ihrem Gebrauchswert – die Nützlichkeit einer Ware ist (meist) offensichtlich. Auch die Bestimmung ihrer Wertgröße ist nicht weiter geheimnisvoll – es wurde gezeigt, dass es die Arbeitszeit ist, die die Wertgröße bestimmt. Marx sagt, die Warenform selbst gibt Rätsel auf: Ihr rätselhafte Charakter „besteht darin, das sie [die Warenform der Gebrauchsgegenstände] den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eigenen Arbeit als gegenständliche Charaktere dieser Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes Verhältnis von Gegenständen.“ (86)
In diesen Sätzen steckt alles Wesentliche der Fetischanalyse. Aber was soll das bedeuten?
Der erste Schritt der Erklärung besteht darin, einen distanzierten Blick auf die materielle Reproduktion einer Gesellschaft zu werfen. Jede Gesellschaft muss in irgendeiner Weise das Überleben der Gesellschaftsmitglieder durch Produktion und Verteilung der produzierten Güter sichern. Im Kapitalismus funktioniert diese nicht etwa durch gemeinschaftliche Planung, sondern vermittelt über Warentausch. Beim Austausch von als Waren produzierten Gegenständen handelt es sich um eine bestimmte historische Weise der Verteilung von Gebrauchsgegenständen. Das eigentliche Verhältnis der Menschen zueinander, als Produzenten eines bestimmten Anteils der zu Reproduktion nötigen Güter, ist also anonym-dinglich vermittelt: Gebrauchsgegenstände werden privat produziert und dann getauscht. [D.h., dass man sich nicht zusammensetzt und überlegt, was man so braucht, sondern dass erst mal wild drauf los produziert wird, in der Hoffnung, dass sich der Wert realisiert. (Nicht etwa in der Hoffnung, dass die Bedürfnisse der Menschen befriedigt werden.) Erst dann, wenn es um die Realisation des Werts geht, treten die Leute in sozialen Kontakt.] Produzenten treten miteinander erst durch den Tausch in gesellschaftlichen Kontakt. Das Verhältnis der Produzenten zueinander und zur Gesamtarbeit (remember: Wert als anerkannter Anteil an gesellschaftlicher Gesamtarbeit) erscheint durch das Verhältnis der Waren.
Wertgegenständlichkeit ist Resultat eines ganz bestimmtes menschlichen Handelns: Waren werden nur zu Waren und zu Wertgegenständen, weil die Leute sich zu ihnen als Waren verhalten.
Im ökonomischen Austausch können die Menschen ihre besonderen Zwecke jeweils nur realisieren, wenn sie sich wechselseitig zum Mittel für die Zwecke anderer machen. [Autausch: Ich geb Dir was, was du willst und du gibst mir was, was ich will. Das Ganze erscheint als das Natürlichste von der Welt.] Das eigentliche Verhältnis der Produzenten zueinander wird in die Waren verlegt. Die Bezüglichkeit von Menschen auf Menschen verschwindet hinter sachlichen Zwängen: Man muss tauschen, um seine Bedürfnisse zu befriedigen.
Der Warenfetischismus ist die zur gegenständlichen Werteigenschaft der Waren verzerrte Erscheinungsform eines gesellschaftlichen Macht- bzw. Herrschaftsverhältnisses, nämlich der Macht und Herrschaft der Privatproduzenten über die gesellschaftliche Arbeit. Die Produzenten sind einer von ihnen selbst produzierten Bewegung von Sachen, den Waren, unterworfen. Die Gesetzmäßigkeiten der Waren scheinen wie ein Naturgesetz zu wirken, das den Warenbesitzern die Bedingungen ihres Handelns vorschreibt.

Dieser Zusammenhang liegt weder für das spontane Alltagsbewusstsein noch für die politische Ökonomie offen zu Tage. Beide sehen in der Warenform eine „Natureigenschaft der Produkte“. Diese Eigenschaft der Waren – sich quasi automatisch in gewissen Verhältnissen aufeinander zu beziehen, also Wert zu besitzen – ist keine physikalische Eigenschaft, sondern eine gesellschaftliche. Das ist der Fetisch: Gegenstände besitzen Eigenschaften, die sie eigentlich nicht besitzen.
Die wissenschaftliche Entdeckung, dass sich die Werte der Waren aus der gesellschaftlich anerkannten Arbeit ergeben, ändert daran nichts. Sie hebt zwar den Schein der bloßen Zufälligkeit auf, aber nicht die Tatsache, dass sich die Waren als Werte aufeinander beziehen und dass sich die Änderung der Wertgröße hinter dem Rücken der Produzenten vollzieht. Es geht hier also nicht primär um ein Bewusstseinsphänomen, sondern um ein objektives Phänomen gesellschaftlicher Praxis. Natürlich spielt das mystifiziert Bewusstsein der Warenproduzenten über ihre gesellschaftlichen Beziehungen eine Rolle1, es ist aber mehr als ein bloßer Irrtum: dadurch dass sich alle so verhalten, wird der Irrtum zur objektiven Gewalt. Genausowenig wie es des Wissens um den Zusammenhang bedarf, dass er funktioniert, ändert das Wissen um ihn etwas an seiner Gültigkeit.

Neben einer Analyse der Unfähigkeit der Leute, die eigene Realität ihres Handelns zu erfassen, hatte der Fetischbegriffs im Marxschen Werk zunächst die Rolle gespielt, die bürgerliche Ökonomie zu charakterisieren bzw. zu verspotten. Er richtete sich gegen die Ökonomen, die sich bei ihrer Analyse bspw. nie gefragt haben « Warum gibt es Waren? ». Also findet an dieser Stelle auch eine Abgrenzung Marxens von seiner Theorie gegen die andere, bürgerliche statt:
Es kreidet den wissenschaftstheoretischen Fehler der Naturalisierung an: eine rein relationale Eigenschaft, der « Wert », wird in der Betrachtung zu einer natürlichen, die an sich, schon immer und für alle Zeit im Arbeitsprodukt liegt.
Dabei ist bereits die Frage « Wo entsteht der Wert? » dem Warenfetisch zum Opfer gefallen: Es handelt sich um eine Eigenschaft, die einem Ding in einem bestimmten Verhältnis zu einem anderen Ding zukommt und da die Eigenschaften der Dinge normalerweise nicht aus ihren Verhältnissen zu anderen Dingen entspringen, sondern schon vorher das sind, scheinen sie ihre Eigenschaften unabhängig von diesem Verhältnis zu besitzen. Der Wert entsteht daher nicht irgendwo und ist dann da, der Wert ist vielmehr eine gegenständliche Reflexion eines gesellschaftlichen Verhältnisses. Beim Brötchen macht es durchaus Sinn, zu fragen, wo es entstanden ist. Glaubt man dem Wert mit derselben Frage beikommen zu können, dann deutet dies darauf hin, dass man doch noch die Vorstellung hat, dass die Arbeit in einer ähnlichen Weise den Wert produziert, wie der Bäcker das Brötchen.